Gaumenglück!

Seit etwa 20Jahren versuchen uns die Medien, fern ab von der wahren Gourmet-Küche, die Worte "gesund" oder "ungesund" schmackhaft zu machen. Bei der Entscheidungsfindung helfen uns die Supermärkte ungemein. "Bio", "fettfrei" oder "zuckerfrei" heißt ja scheinbar automatisch gesund... oder? Zusätzlich ist es laut Medien auch noch wichtig, auf die Worte "umweltschädigend" oder "umweltschonend" zu achten. Dazu muss man aber schon den Aufkleber penibel analysieren. Früher waren es nur Religionen die Bevölkerungen gespalten haben. Heute sind es oft kulinarische Glaubenskriege.

Ich habe oft Kunden zum Essen eingeladen. Wenn es nicht gerade ein exotisches Lokal war, wurde zu rund achtzig Prozent immer dasselbe Essen bestellt, Leberknödelsuppe mit einem panierten Schweinswiener. Ungesunder und umweltschädigender geht’s wohl nimmer… aber es schmeckt, weil es unsere mitteleuropäisch geschulten Geschmacksknospen zufriedenstellt. Und wenn jemand zufrieden ist, ist er auch glücklich! Und ich habe festgestellt, dass mediengeschulte Ernährungsgurus sich zeitweilig auch dieses Glück gönnen.

Meine Großmutter aß sehr gerne "weißes Fleisch". Sie meinte dabei nicht etwa das Bruststück eines Huhns, nein sie meinte das weiße Fleisch einer Sau, also das Fett.

Mein Vater war etwas anders. Für ihn war wichtig, dass es zu Mittag eine Suppe gab und zum Fleisch, egal in welcher Variante, ein Brot. Er arbeitete immer schwer, daher gönnte er sich als Jause ein Stück Speck mit nur zwei bis drei Scheiben Mischbrot. Vielleicht sollte ergänzt werden, dass jede Scheibe Brot etwa fünf Zentimeter stark war.

Und meine Mutter. Ja, Mami war unsere Köchin. Zuspeisen und eine kräftige Einbrenn waren ein wichtiger Bestandteil ihrer Küche. Doch mindestens drei Mal in der Woche gab es kein Fleisch, dafür aber irgendwelche Variationen von süßen, schweren Hauptgerichten.

Mutters Kochkunst war legendär, und dies konnte man fast jedem in der Familie ansehen. Sie war uns förmlich auf den Leib geschrieben. Doch diese aus heutiger Sicht katastrophale Ernährung ließ die Großmutter 87Jahre, Vater auch 87Jahre und Mutter sogar 89Jahre alt werden!

Eine familiäre Ausnahme im Körperbau bildete nur Großvater, er war dünn… nein hager. Er war sein Leben lang ein echtes, wie man auf bayrisch zu sagen pflegt, Zwetschkenmanderl. Und er starb dafür bereits mit 77Jahren. Sein Motto war: Was ich essen kann, kann ich auch trinken. Ein Hauptbestandteil seines Essens bildete daher Obst im gebrannten und Getreide in vergorenem Zustand.

Bei unseren Vorfahren gab es nur die Essensbewertungen "schmeckt" oder "schmeckt nicht". Also eine Bewertung, die auch heute noch bei Fernseh-Kochwettkämpfen mit "lecker" Niederschlag findet.

Egal was uns die Medien auch immer vorgaukeln wollen, Geschmack hat jeder standhafte Mensch seinen eigenen. Und ist dieser befriedigt, ist man glücklich!

Übrigens, heute gibt es zu Mittag Leberknödelsuppe mit Schweinswiener!

© Herbert Schieber