Ihr werdet es nicht glauben!

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Ihr werdet es nicht glauben! | story.one

Wir stammen aus der eher rauhen Obersteiermark und leben jetzt seit etwa fünf Jahren in der Nähe unserer Bundeshauptstadt, aber dennoch am Land. Vor allem genießen wir es, an den hier sehr lauen Sommerabenden lange auf der Terrasse zu sitzen. Uns fällt aber dabei seit kurzem auf, dass Vögel mit hohem Tempo in geringer Höhe durch die Finsternis zischen. Als wir diese Beobachtung Einheimischen schildern, erklären uns diese, dass dies keine Vögel seien, sondern Fledermäuse. Kaum zu glauben. Wir dachten bis dahin, dass es solche vor allem in Draculafilmen gibt.

An einem dieser lauen Sommerabende unternehmen meine Frau, meine Tochter und der Hund noch einen Spaziergang ums Feld. Als sie nach Hause kommen, hat unsere Tochter ihre Jacke ausgezogen und trägt sie fürsorglich wie ein Baby in ihren Armen. "Papa, komm, schau mal!" Ich schaue und sehe wohl nicht richtig. In der Jacke hat sie eine Fledermaus eingewickelt. "Sie ist am Weg gesessen und ist gar nicht geflüchtet. Wahrscheinlich ist sie zu schwach zum Fliegen", meint die Tochter. Naja, diesem Befund unserer selbst ernannten Flugtierspezialistin wagte ich natürlich nicht zu widersprechen. "Und was willst du jetzt machen mit dem... Ding?". Die Antwort der Tochter stand schon vorher fest. "Füttern und wieder aufpäppeln!" Mein Vorschlag: "Von zu Mittag hätten wir noch ein Schnitzel und Kartoffelsalat", wurde von meinen Damen als gar nicht lustig abgeschmettert.

Die Tochter holt aus dem Keller einen Wäschekorb, kleidet ihn mit einer alten Decke wohnlich aus und stellt ihn auf den Terrassentisch. Damit sich unser Gast dennoch in seinem Bettlager naturnahe fühlt, kommen auch noch Gräser und Blätter hinein. Als Abschluss noch ein kleines Wasserschüsselchen. Hinein mit dem abgestürzten Findelkind. Da hockt sie nun drinnen diese nacktflügelige Flugmaus. Sie rührt sich kaum, auch nicht, als ihr die Tochter eine Brotrinde unter die Nase hält. "Lassen wir sie erst mal in Ruhe." meint meine Frau. Um ihr das Schutzgefühl einer Höhle zu geben, decken wir den Korb noch mit einer Decke zu. "Gute Nacht, Mausi!"

Am nächsten Morgen. Unsere Tochter wacht auf und läuft schnurstracks auf die Terrasse. "Sie ist weg!" ruft sie etwas enttäuscht. Das war's!

Zwei Tage später begegnen wir auf der Straße Heinz, unseren unmittelbaren Nachbarn. "Stellt euch vor. Ihr werdet es nicht glauben! Ich komme vorgestern von der Nachttschicht nach Hause und leg mich im Wohnzimmer auf die Bank. Da kommt mir vor, als ob sich der Vorhang bewegen würde. Ich schau genauer hin, steh auf, gehe zum Vorhang hin, schiebe ihn etwas zur Seite und sehe... ihr werdet es nicht glauben. Am Vorhang hängt eine echte Fledermaus! Mich hat es richtig gegraust. Ich hole mir Arbeitshandschuhe, pack das grausliche Vieh und schmeiß es raus in den Garten! Fast nicht zu glauben, nicht wahr?"

Meine Frau und ich tun total erstaunt, sehen uns an und fragen uns: "Sollen wir ihm diese unglaubliche Geschichte allen Ernstes abkaufen?"

© Herbert Schieber