Der Herrgottsschnitzer

  • 97
Der Herrgottsschnitzer | story.one

Irgendwann gab’s im Internat einfache Schnitzmesser zu Sonderkonditionen. „Hab ich billig verwischt“, wie der Heimleiter zu sagen pflegte.

Ich versuchte mich mit einfachen Stücken, wie Reliefs. Aber irgendwann wagte ich mich dann doch an das, was nach meiner Vorstellung das Meisterstück der Schnitzkunst war, ein Kruzifix.

Schnell merkte ich wie schwierig das ist. Es entstand ein Kruzifix, bei dem mir das Kreuz selbst besser gelungen ist als die Christusfigur: Grundmaterial Spanplatte, an den Enden schräg abgeschnitten, Oberseite mit dunklem Echtholz-Furnier und die Seiten mit hellem Umleimer. Auf diesem eher hochwertigen Kreuz gibt sich der geschnitzte Christus fast schon naiv. Zwar sind alle Körperteile aus dem Holz herausgearbeitet, dennoch wirkt es wie ein Relief, weil zu flach und bildhaft. Unzufrieden war ich trotzdem nicht mit dem Ergebnis. Für ein Erstlingswerk konnte es sich durchaus sehen lassen.

In den Ferien erzählte ich Pater Kosmas in Mariahilf davon, dass ich im Internat begonnen hatte, aus Lindenholz „Kunstwerke“ zu schnitzen und zeigte ihm das Kruzifix. Er, selbst ein begnadeter Holzbildhauer, war davon sehr überrascht und lobte mich für die Sorgfalt mit der ich an die Arbeit herangegangen war.

Nicht weniger überrascht war aber dann ich, als er mir ganz spontan einen Teil seiner wertvollen Schnitzmesser überließ. Ich baute dafür einen mit Samt ausgekleideten Kasten, mit den schönen Messern, bis heute wertvoller Teil meiner Werkstattausstattung.

Noch einmal habe ich mich an ein Kruzifix gewagt. Ganz anders als das erste sollte es modern, fast ein wenig „abstrakt“ ausfallen. Das Kreuz selbst dieses Mal ganz einfach aus zwei gekreuzten, entrindeten Ästen und der Christus ohne herausgearbeitetes Gesicht, Finger und sonstige Körperdetails, sehr minimalistisch. Damit war ich zufrieden und freute mich, dass es noch Jahre nach meinem Abschied vom Gartlberg an „prominenter Stelle“ das Treppenhaus des Erweiterungsbaues zierte.

1991 schloss das Schülerheim für immer seine Tore, 2014 ereilte auch das Kloster dieses Schicksal. Wir Ehemalige wurden ein letztes Mal zu einem der bis dahin regelmäßig stattgefundenen Treffen eingeladen. Ich fragte am Ende der Veranstaltung nach meinem Kruzifix und tatsächlich wurde es mit ausgehändigt. Wie ein Baby nahm ich es auf den Arm und mit nach Hause. Seither hängt es bei uns im Treppenhaus und, auch wenn es nicht jedermanns Geschmack trifft, ich halte es in Ehren.

So richtig geschnitzt habe ich die letzten 50 Jahre nicht mehr. Familie, Haus, Garten, Freunde, Eisenbahn, Geschichten schreiben, man kann nicht alles machen. Aber für den Fall, dass es mich doch wieder einmal jucken sollte, steht in meiner Werkstatt ein ansehnlicher Block Lindenholz, Teil eines Baumes, der auf dem Grundstück meines Freundes und ehemaligen Chefs Siggi K. gewachsen ist. Daraus ließen sich sicher mehrere Skulpturen schnitzen. Oder vielleicht doch wieder ein Kruzifix?

© Hermann Karosser 01.08.2020