Totgesagte leben lang

Meine Mutter war in den Nachbarort einkaufen gefahren und ich blieb mit meiner Großmutter allein zu Hause. Notburga - so hieß meine Großmutter - lebte im Erdgeschoß unseres Hauses im Dörfchen Hütten und ich mit meiner Familie im ersten Stock. Oma werkte in ihrer Küche und ich sass mit meinen 6 Jahren auf der Treppe im Vorhaus und langweilte mich.

Plötzlich sah ich schemenhaft durch die halb gläserne Haustüre eine Gruppe dunkler Gestalten auf das Haus zukommen. Es klopfte leise, die Haustüre wurde geöffnet und herein strömten etwa zehn schwarz gekleidete Menschen. Einige weinten.

Ich sah mir das von meinem Logenplatz aus interessiert an, als meine Großmutter aus der Küchentür trat. Die schwarz gekleideten Menschen starrten sie an, einige traten ein paar Schritte zurück, andere griffen haltsuchend zum nächstbesten Möbelstück. Eine der schwarzen Frauen schrie auf: "Burgi, bist Du´s oder ist´s Dein Geist?" Ein Mann sagte gedehnt: "Du leeebst? "

Meine Großmutter antwortete verständnislos "Natürlich bin ich´s - was ist denn los?" Peinlich berührt standen die schwarzen Gestalten da und jemand sagte in die Stille: Es hat geheißen, du bist gestorben".

Die Tiroler Verwandtschaft meiner Großmutter war also zum Kondolenzbesuch angereist.

Nun wurde gemeinsam überlegt, wie diese offensichtlich falsche Botschaft in die Welt gelangt war. Dazu muss man wissen, dass in den 60er Jahren ein Telefon am Land noch eine Rarität war. Meistens gab es eines im Dorfwirtshaus und die Wirtsleute waren es gewohnt, dass man bei ihnen anrief und bat, etwas auszurichten. Die Verwandten meiner Grossmutter besaßen ein solches Wirtshaus mit Telefon. Wahrscheinlich hatte die alte schwerhörige Tante Marie abgehoben - und was auch immer der Anrufer gewollt haben mochte - Tante Marie verstand, dass die Burgi gestorben sei und verständigte pflichtbewusst die weitere Verwandtschaft, die sich auch gleich zum Trauerbesuch am nächsten Tag verabredete.

Praktisch veranlagt, wie meine Großmutter war, meinte sie: "No, wenn Ihr schon da seids, kommts herein in die Stube". Nun wurde dieses unverhoffte Familientreffen gebührend gefeiert. Es ging hoch her im Stüberl - mit Bier, Wein und Schnaps wurde auf das Leben angestoßen! Zum Glück hatte noch jemand die gute Idee, den großen Kranz mit der Trauerschleife, den man vor der Haustüre abgestellt hatte, zu verstecken, damit sich meine Mutter nicht erschrecke, wenn sie vom Einkaufen zurückkäme.

Meine Mutter erschreckte sich trotzdem ein bisschen, als sie die schwarz gekleidete, fröhlich feiernde Gesellschaft beim Nachhausekommen antraf.

Der Kranz wurde übrigens von der Verwandtschaft bei einem Begräbnis zwei Tage später mit neuer Trauerschleife gespendet. Die betroffene Familie war überaus gerührt und auch etwas verwundert ob dieser großzügigen und unerwarteten Gabe.

Und - meine Großmutter wurde 84 Jahre alt.

© Hermine