… der die treuesten Augen hatte.

Besonders schön ist New Jersey im Herbst. Wenn sich die Wälder während meiner Fahrten nach Sussex County von hellem Grün in dunkles Rot färbten und das ganze Land in einen Farbenrausch tauchten… fuhr ich jedes Mal wieder ins pure Glück.

Harry und ich waren, seit es den roten Ring an meinem Finger gab, verlobt.

Als Zeugen fungierten „nur“ das Rockefeller Center und das Empire State Building.

Sonst niemand. Es wusste auch keiner. Sollte keiner wissen. So hatten wir es vereinbart.

Mir war‘ s egal… denn endlich hatte mein Leben ein Ziel, mein Weg eine Richtung.

Zu dieser Jahreszeit fuhr zwar fast immer ich in Richtung Sussex, mit Harry als mein Ziel …

Aber im Winter würde sich das ändern. Jedenfalls wäre so der Plan von uns beiden gewesen.

Doch zu dieser Änderung kam es nicht mehr.

Meine Glückssträhne fand an einem verregneten, neblig und kalten Tag Anfang November sein Ende.

So wie fast auch mein Leben geendet hätte.

Der Schulbusfahrer übersah im Nebel mein schwarzes Auto und fuhr mir direkt mit voller Wucht in mein ca. 70 Meilen fahrendes Fahrzeug…

Was dann kam… weiß ich nicht mehr. Mir war, als hörte ich Stimmen… dann wieder schreiende Menschen… dann wieder Stille… mal hörte ich Musik… dann sah ich Lichter… oder war es ein Licht? Ein gelbes, wie das Gelb eines Taxis… ich versuchte zu lächeln, doch der Schmerz war größer.

Zeit und Raum vergaßen mich. Und ich alles was je so wichtig gewesen war…

Die Arbeit, das Geld, ja auch die Liebe… nach der ich gestrebt, mich gesehnt… und sie dann gefunden hatte…

Diese Erkenntnis aber kam lange, lange später…

Oft hörte ich jetzt die Stimmen der Menschen deutlicher… versuchte zu verstehen was sie sprachen, hörte sie weinen… oft nur eine Stimme… dann wieder viele, durcheinander.

Ich wusste nicht welches Jahr war, welches Monat, welcher Tag…. Aber die Stunde würde ich nie mehr vergessen: Es war vier Uhr nachmittags als ich die Augen das erste Mal wieder öffnete…

Und in zwei sehr besorgte graublaue, mir unbekannte, blickte…

Der Mann, dem sie gehörten, begann zu schreien… es wurde laut im Krankenzimmer… ich nahm nur am Rande wahr, dass sich Ärzte und Schwestern rund um mich tummelten, jemand küsste mich auf die Stirn, jemand begann zu weinen…

Vor Freude. Zu weinen, denn ich war nach über einem halben Jahr wieder erwacht.

Als ich das nächste Mal wieder die Augen aufschlug… sah ich den Schulbus vor mir, schrie noch und begann zu beten… das Letzte, das ich vor dem Zusammenstoß sah… waren furchterschreckte, graublaue Augen.

Jene Augen, in die ich beim Erwachen geblickt hatte… und die nach den Schilderungen der Schwestern seit meiner Einlieferung täglich über mich gewacht hatten.

Täglich. Zwei, drei Stunden… oder länger.

Täglich. Hatte er an meinem Bett gebetet, mir sein Leben erzählt, mir mein Leben, so gut er es erfragt hatte, erzählt, mir vom Weltgeschehen berichtet und von den Freunden, die mich besucht hatten.

Täglich. Bis zu meinem Erwachen. Dann verschwanden die Augen… und der Mann, dem sie gehörten.

© Herzchen