… der mich erneut zur Suchenden machte

Es dauerte beinahe 2 Monate bis ich mich von meinem schweren Autounfall erholt hatte. Ich nutzte die Zeit, um mich wieder an alles zu gewöhnen, um meinen Körper wieder fit zu bekommen… und um diese einen, mir nicht mehr aus dem Sinn gehenden Augen, zu suchen.

Seine Augen. Den Mensch, den Mann dazu kannte ich nicht.

Er hatte meinen Unfall verursacht. Ich gab im Nachhinein an, eine Teilschuld zu haben… um ihm die Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung zu ersparen.

Was ich ihm nicht ersparen konnte... waren sicher seine Schuldgefühle...

Er verschwand… und mit ihm diese Augen… das Letzte und das Erste, das ich gesehen hatte, als ich in die Bewusstlosigkeit entschwand und wieder aus ihr erwachte.

Er verschwand… aber seine Augen ließen mich nicht los… so voll Sorge und Mitgefühl, so voll Zärtlichkeit und Liebe… so wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte.

Auch nicht bei Harry… Harry … auch er blieb verschwunden.

Während meiner Recherchen wurde mir klar, dass es nicht er war, der den Platz an meinem Bett gehütet hatte, dass nicht er täglich gekommen war, dass nicht er Blumen brachte und mir die Hände und Füße salbte, dass nicht er meine Hand gehalten hatte.

Es war Michael gewesen... so hatte ich bei meinen Nachforschungen herausgefunden.

Seinen Namen sprach man mit einem „K“ in der Mitte aus… wie bei slawischen Sprachen oft… er hatte blonde, kurze Haare, war mittelgroß, sehr schlank, sehr freundlich und zuvorkommend… und unheimlich besorgt um mich.

Er war nicht von Manhattan, sondern von New Jersey… von jenem Ort, an dem er mir fast mein Leben genommen hatte.

Die genauere Adresse wusste leider niemand.

Sobald es mir wieder besser ging, setzte ich mich in mein neues Auto… und fuhr los. Meine so geliebte Strecke Richtung Sussex.

Die Kreuzung, die mein Leben durchkreuzt und in eine neue Richtung gelenkt hatte, nahm mich sofort in ihren Bann. Ich stieg aus… berührte den Boden an der Stelle, an der mich die Feuerwehr aus dem Auto geborgen hatte… kurz hörte ich das Krachen wieder, spürte dumpf den ersten Schmerz…und sah in zwei graublaue, erschreckte Augen…

Ich wollte mein Leben wieder zurück… von diesen Augen, von diesem Mann.

Im Ort konnte mir keiner so recht weiterhelfen… immer nur vage Andeutungen, grad so, als ob alle an einem Strick zogen… an dessen Ende nicht ich befestigt war.

Viele ungeweinte Tränen folgten … und das Gefühl eines tiefen Verlustes bemächtigte sich meiner.

Erst durch den Neustart in meiner Firma begann es mir langsam besser zu gehen.

Den beginnenden Winter begrüßte ich mit dem Kauf neuer Eislaufschuhe.

Es war ein wunderschöner, kalter Adventtag als ich den Eislaufplatz beim Rockefeller Center besuchte.

Gerade als ich nach Hause aufbrechen wollte, stieß ich mit einem Rudel junger Menschen zusammen, die mich übersehen hatten… und landete in den Armen eines Mannes, dessen Geruch mir vertraut vorkam.

Doch erst als ich in seine Augen sah, wusste ich, dass ich mein verloren geglaubtes Leben wiedergefunden hatte…

© Herzchen