…der mich und sich selbst überrollte...

Jetzt lebte ich schon das zweite Jahr in Greenwich.

Und ich mochte meine Wohnung, diesen Stadtteil, die Menschen hier… das Flair. Und dann kam der Zug an… und spuckte meinen Micky aus. Und wie der Zug eingerollt war … so überrollte Micky mich. Und so wie ich mich anpasste, an ihn, so wurde die Wohnung angepasst. Und so wie diese sich veränderte, veränderte sich scheinbar ihre Größe. Sie wurde zu klein. Zu klein für Micky, die Hunde… und mich.

Micky war ein Mann des Sports. Und so wie er früher Fußball gespielt hatte, fuhren wir jetzt Rad. Radfahren in Manhattan geht sehr gut. Rasch kommt man von einem Ort zum nächsten Stadtteil…Und wieder zurück. Mickey hatte in Brooklyn einen tollen Job gefunden und bewältigte seine Arbeitsstrecke fast immer mit dem Rad. Und so wurde die Strecke zwischen Greenwich und Little Italy, für die man zu Fuß doch eine gute halbe Stunde brauchte, in gut fünf Minuten mit dem Rad bewältigt.

Denn diese fünf Minuten fuhren wir jetzt öfter. Micky mit dem Hundekorb vorne montiert, ich hinten nach. Wir hatten uns für eine größere Wohnung in Little Italy entschieden. Für die Wohnung Micky, für Little Italy ich. Dort kannte ich die Menschen, die Lokale, die Geschäfte, die Parks. Dort hatte ich mit Rudolfo, meinem verstorbenen Italiener, gelebt. Und dort wollten wir unseren gemeinsamen Neubeginn wagen. Wobei das Wagnis ein kleines war. Wir vier verstanden uns blendend… und die Wohnung war der Hammer. Eigentlich kein Hammer… sondern ein Loft.

Ehrlich, wie aus einem Film. Eine uralte Bäckerei, umgebaut auf drei Wohnungen. Unsere war die mit der Dachterrasse… für uns und für die Hunde…. Sie war riesig und wir konnten mit meinen Möbeln nicht mal die Hälfte füllen … Wir montierten jede Menge Spiegel, stellten Loungemöbel frei auf und verliebten uns in unser Schlafzimmer.

Die Dachterrasse wurde zu einem zweiten Wohnzimmer umfunktioniert… und fast jeden schönen Abend verbrachten wir draußen… über die Canal Street blickend… funkelte nur für uns der East River und am Horizont erblickten wir die Brooklyn Bridge… ganz klein… für uns ganz groß, denn dort hatten wir das Rückfahrticket dem Fluss übergeben und unsere Liebe mit einem Schloss besiegelt… Und als die Weihnachtszeit vor der Tür stand… kauften wir Tannenbäume und machten aus unserer Terrasse einen wunderschönen, oft verschneiten, Winter- Wunder-Wald.

Es war im Jänner, die Zeit, in der über New York oft die Blizzards toben …. und sehr früh am Morgen, als Mickey, trotz meines Schimpfens mit dem Rad losfuhr Richtung Brooklyn. Unsere Brooklyn Bridge erreichte er nicht . Am Ende der Canal Street wurde er von einem rutschenden LKW erfasst und in weitem Bogen gegen eine Hausmauer geschleudert. Der einzige Trost, der mir blieb, war die Tatsache, dass er sofort tot war und keine Schmerzen mehr gehabt hatte.

Ansonsten gab es keinen Trost… und auch dieses Mal wurde ich überrollt… vom Schmerz, der mich wie ein Schnellzug erfasste und in die Tiefen des East Rivers schleuderte.

© Herzchen