Der mit dem Zug ankam… und mich überrollte

Rudolfo war gestorben…

Neil zurückgeblieben…

Und Harry war mit seinen Rosen gegangen… wegen einer Nachricht von einer dieser Plattformen…

Meine erste Reaktion war… mich dort endgültig abzumelden…

Doch irgendetwas trieb mich dazu diese Nachricht zu lesen, hatte sie doch augenscheinlich, aber nicht wirklich… meine Liebe zu Harry zerstört…

So las ich: …“ Mary antworte… alleine wegen dir bin ich online… alleine wegen dir warte, hoffe und bete ich, dass die Liebe zurückkommt zu mir…“

Welche Worte von einem Mann, den ich nicht kannte…

Allerdings, auch wenn man nicht danach gehen sollte… seine Fotos waren sensationell…

Also… also… ok, ich antwortete. Wir schrieben nur zweimal hin und her… dann erhielt ich seine Telefonnummer… dann hörte ich seine Stimme… dann telefonierten wir bald täglich… dann vereinbarten wir das erste Date… und dann kam er.

Er, Micky, wie ich ihn nannte… wollte mit dem Zug kommen.

Aber nicht irgendwo an… nein, der Ankunftsort, also jener Ort, an dem wir uns das erste Mal sehen, berühren… in den Armen halten würden… war kein geringerer als einer meiner Lieblingsorte in Manhattan: die Grand Central Station… im Herzen von New York.

Als ich dort ankam hatte ich bei Gott ein mulmiges Gefühl… ich kam mir vor wie in einem dieser Filme… war doch die Grand Central ein Ort, an dem schon zahlreiche dieser Art gedreht wurden…

„Untreue“…“ König der Fischer“… und viele, viele mehr…

Schrieb auch ich jetzt hier Filmgeschichte…?

Die Central Station hat eine L-Form… L wie Liebe fiel mir ein… als ich mich durch die Unmengen von Menschen quälte… um den richtigen Bahnsteig zu finden… einen von den 44.

500.000 Menschen passieren im Schnitt täglich diese Halle und all die Gänge und Bahnsteige… ich kam mir verloren… und doch auf seltsame Weise gefunden vor.

Als der Zug einfuhr… stiegen wieder, für mich empfunden, unendliche viele Menschen aus… keiner sah aus wie Micky…

Ich wartete… wie lange überlegte ich… rief dann bei ihm an… just in diesem Moment blickte ich auf den gegenüberliegenden Bahnsteig… hörte das Handy … und sah ihn.

Er war früher gekommen, hatte mich schon geraume Zeit beobachtet… und stand jetzt mit einem Lächeln im Gesicht mir fast gegenüber. Wir trafen in der Unterführung aufeinander… und es war überwältigend… für beide.

Er war so schön, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass dieser Mann zu mir gekommen war.

Schwarze, kurze Haare, graublaue, rauchige Augen… die mich gefangen nahmen… und nicht mehr ausließen… ich will nicht weiter schwärmen… aber es gäbe noch jede Menge.

Micky kam mit dem Zug … und überrollte mich.

Hilflos sah ich zu… wie ich mehr und mehr sein Mädchen, wie er zu mir sagte, wurde.

Ich trug seine Farben, schnitt mir die Haare… so wie er es wollte, kaufte die Schuhe, die ihm gefielen.

Sogar meine Hunde liebten ihn heiß.

Micky kam mit dem Zug… und nahm keinen mehr zurück. Die Rückfahrkarte schmissen wir, auf der Brooklyn Bridge stehend, in den East River…

Sie ging in den Fluten unter… und ich in Mickys Armen…

© Herzchen