Die Uroma

Durch die Hofstallgasse am Festpielhaus vorbei, über den Max-Reinhard-Platz und weiter durch die Franziskanergasse, biegt man vis-a-vis der Franziskanerkirche rechts ab und steht dann auf einem Platz, den ich vielleicht als schönsten von Salzburg bezeichnen will: herausragend hier ist die Stiftskirche zu St. Peter. Die Erzabtei dazu ist das älteste Kloster im deutschen Sprachraum und neben der Stiftskirche gibt es einiges zu sehen, wie den Klostergarten mit Kreuzgang, die Katakomben im Felsen des Mönchsbergs, der interessante Friedhof, die älteste Bäckerei Salzburgs (mit meinem persönlichen Roggenlieblingsbrot) und - nicht zu vergessen - den Stiftskeller zu St. Peter, dem ältesten Gasthaus Mitteleuropas (oder sogar Europas).

Aber zu meinem persönlichen St. Peter gehört noch etwas anderes. Mein Urgroßvater war einmal Stiftsverwalter von St. Peter und starb leider viel zu früh: seine Witwe, meine Uroma, hatte in einem an den Platz angrenzenden Haus das Wohnrecht in einer kleiner Dienstwohnung auf Lebenszeit. Die Fenster dieser Wohnung waren direkt auf den Platz ausgerichtet. Meine Uroma, Gastwirtstochter aus dem Innviertel, eine gesellige Person, war eine Herrschaftsdame, die keine große Widerreden duldete und am Sonntag gerne die Familie um sich hatte. Meine Erinnerungen an diese Zeit sind nicht mehr sehr ausgeprägt, jedoch weiß ich noch, dass wir Sonntag immer zu meiner Uroma gingen und mein Vater sich vor jeden Besuch fürchtete. Denn der Ausgang dieser Sonntage war klar: zuerst bei der alten Dame - pünktlichstes Erscheinen vorausgesetzt! - jede Minute zu spät, bedeutete eine ordentliche Zurechtweisung. Danach ein schneller Aufbruch Richtung Bräustübel. Denn um 14.00 Uhr öffnete nicht nur das Müllner Bräu seine Pforten, sondern da war auch das Treffen mit dem Cousin meiner Uroma angesagt. Der war als Pfarrer einer kleinen Gemeinde im Innviertel tätig, betete immer in Windeseile seine Gottesdienste am Sonntag herunter, um den Zug pünktlich nach Salzburg zu erreichen. Denn zum einen waren aus seiner Sicht die Maß Bier im Bräustübel nach getaner Arbeit (also nach der Messe) mehr als verdient und zum anderen traf er seine Cousine gerne zum Plausch. Gut, der Rest der Familie spielte dabei nur eine Nebenrolle und war vielleicht ein klein wenig ein lästiges Anhängsel. Aber wir sollten ja in erster Linie als Aufputz für meine Uroma dienen. Die Teilnahme an diesen Treffen einmal abzusagen, war schier unmöglich und Widerstand gegen meine Uroma zu leisten war sinnlos. Deshalb war mir auch - allerdings erst sehr viel später - klar, dass mein Vater diese sonntäglichen Besuche nicht besonders schätzte. Aber noch heute erzähle ich gerne, dass ich schon als kleiner Bub regelmäßig ins Bräustübel gegangen bin, wenn auch diese Besuche immer gleich abliefen und ein ähnliches Handlungsmuster hatten. Und ich bin mit meiner Uroma dorthin gegangen.

© Hofajack