Klassentreffen

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Klassentreffen | story.one

Eigentlich war es ein befreundeter Kollege, der mich überredete ihn auf ein Casting für eine Modenschau zu begleiten. Dort lernte ich Barbara kennen. Also nicht beim Casting, sondern im Kaffeehaus gegenüber. Wir sind nämlich beide bereits in der ersten Runde ausgeschieden. Sie war zu klein und ich zu sportlich.

Sie sah aus wie Julia Roberts zu heiß gewaschen. Ich war fasziniert von ihrem Gesicht und konnte mein Glück kaum fassen, als sie mir ihre Nummer gab und wir uns für die nächsten Tage verabredeten.

Sie rief mich an und meinte, dass sie gerne auf ein Klassentreffen gehen und ob ich nicht mitkommen wolle. Natürlich wollte ich und holte sie ab.

Ich fragte sie: "Ist das ein Lokal?"

"Nein. Das ist die Wohnung einer Freundin."

"Wie? Und da trifft sich eure ganze Klasse? In einer Wohnung?"

"Nein. Eigentlich trifft sich nicht die ganze Klasse, sondern nur ein Teil davon. Wir waren so eine eigene, spezielle Gruppe...fünf Freundinnen."

Ich hatte also einen Abend mit fünf Mädchen vor mir, die sich selbst als "speziell" bezeichneten. Irgendwie hatte ich ein schlechtes Gefühl.

Als sich die Türe öffnete, begann ich bereits Fluchpläne zu schmieden. Eine von Barbaras Freundinnen studierte Theologie und war im Aufnahmeverfahren zu einem Bettelorden. Getränke wurden auf den Tisch im Wohnzimmer gestellt und als ich nach einem Bier fragte, sagte die Gastgeberin: "Na Alkohol hab ich keinen."

Verdammt! Ich war hier so abträglich wie ein drittes Knie. Nichts gegen spezielle Gruppen aber ich gehörte hier einfach nicht her!

Während Fotos von einem gemeinsamen Urlaub in den Bergen angesehen wurden, entschuldigte ich mich und verschwand mit meinem Telefon am WC. Ich rief meinen Freund von der Modenschau an und flüsterte ins Telefon, dass er mich in 5 Minuten anrufen und einfach wieder auflegen solle.

Zurück im Wohnzimmer läutete nach kurzer Zeit mein Handy und ich legte eine Hollywoodreife Inszenierung hin.

"Oh mein Gott!! Ist dir hoffentlich nichts passiert? Na das ist egal...das Auto kann man ersetzen."

Ich log das Blaue vom Himmel, dass mein Freund einen Unfall hatte und ich ihn unbedingt jetzt sofort abholen müsse.

Als die Wohnungstüre hinter mir ins Schloss fiel, hatte ich den unbändigen Drang laut zu brüllen. Ich weiß nicht warum Barbara dachte, dass ich oder ihre Freundinnen es als Bereicherung empfinden könnten, wenn ich mit von dieser speziellen Partie wäre.

Ich hoffe ich habe mir nicht mein Karma versaut, indem ich diese Gruppe wahrhaft anständiger Mädchen belogen habe aber eine Minute länger und ich wäre in Flammen aufgegangen.

Ich fuhr zu meinem Freund und Retter und erzählte ihm die Geschichte bei einem Bier. Das hatten wir uns verdient.

© Hope 07.03.2020