Ein Weihnachtsmärchen

Es war einmal vor langer Zeit ... es war dunkel geworden auf unserer Erde und dunkel in den Herzen der Menschen. Finster schauten sie einander an. Voll Neid und Missgunst die einen, voll Hunger, Not und Sehnsucht die anderen. Geld regierte die Welt. Die einen hatten es im Überfluss, die anderen hatten keines.

Es gab warnende Stimmen, doch kaum einer hörte sie. Besonders ein alter Mann in Weiß erhob seine mahnende Stimme. Er durchschaute das Ränkespiel der Reichen und Mächtigen und erkannte, dass die Mutter Erde unsagbar litt an der Gier ihrer Kinder. Sie bekam Fieber, erbebte und erbrach. Doch kein Arzt rang sich durch, ihr wirklich zu helfen.

Auch wurden die Menschen immer mehr krank. Kaum mehr schauten sie einander an, geschweige denn in die Augen. Das miteinander Reden, Lachen, Scherzen - auch das Zuhören hatten sie beinahe schon verlernt. Kaum jemand wusste mehr, was ein Lächeln bedeutete, was glücklich sein war.

Da wurde es den Kindern, den Kleinen auf Erden, zu viel. Sie spürten in ihren Herzen noch die Sehnsucht, sie ahnten noch, was leben, lachen, glücklich sein bedeuten könnte. Sie wollten nicht so werden wie die Großen. Instinktiv ahnten sie, dass die unstillbare Gier der Menschen den im Weltall blau schimmernden Planeten vernichten würde. Wie aber könnten sie ihm helfen, was sollten sie tun, zwei vor Zwölf?

Da fiel der einen, dem andern eine Geschichte von früher ein, nur mehr ein Ahnen war in ihren Herzen. Denn schon lange, sehr lange war es her, dass ihnen Eltern vor dem Einschlafen Geschichten erzählt hatten, Sagen und Märchen. War da nicht vor zwei-, dreitausend Jahren ein kleines Kind geboren worden, irgendwo auf der Welt, in einem armen Land, einem Stall - ein Kind ganz armer, einfacher Leute, ein Bub oder ein Mädchen? Sie halfen alle zusammen, sich zu erinnern, und mit ihrer Zuversicht und Fröhlichkeit steckten sie alle anderen Kinder an. Und so wurde die Geschichte wieder ganz, die Weihnachtsgeschichte von früher.

Sie begannen, die Geschichte weiter zu erzählen an so viele Menschen, wie sie nur erreichten. Das Kind erhielt viele Namen, aus allen Ländern der Erde. Einmal war es schwarz, dann weiß, einmal gelb, dann dunkelbraun oder gar rot. Einmal Bub, dann Mädchen. Blond, brünett, dunkelbraun bis tiefschwarz oder gar rothaarig. Und immer mehr machten mit. Zuerst die ganz alten, weisen Menschen, dann immer mehr Junge und zuletzt auch die Erwachsenen, die Gelehrten, sogar die Mächtigen. Und ganz leise, fast unbemerkt kam der Friede zurück auf die Erde - in die Herzen der Menschen. Das Glück kam dazu und die Freude.

© Hubert