Bis dass der Tod sie scheidet

Wir befanden uns auf der Fahrt von Florenz nach Wien, auf der Brennerautobahn. Ein Anruf beim ÖAMTC hatte uns informiert: Kein Schnee. So fuhr ich die üblichen 120 Stundenkilometer. Zwei Kilometer vor der Südtiroler Ortschaft Sterzing wollte ich nach links einbiegen. Doch das Auto fuhr geradeaus weiter und folgte dem Steuer nicht. Aber auch das Bremsen gelang mir nicht. Zu spät begriff ich, dass die Fahrbahn vereist sein musste. So fuhr ich de facto mit mindestens hundert Stundenkilometer kerzengerade in eine Felswand. In der nächsten Sekunde saßen wir, meine Frau und ich, bis zum Hals eingepackt im Schnee. Durch den Anprall wurde die rechte Türe des Wagens regelrecht herausgerissen, der Wagen selbst prallte von der Wand ab und landete im tiefen Schnee des Straßengrabens, der sofort in den Wagen eindrang und uns bis zum Hals zuschüttete.

Natürlich mein erster Gedanke galt meiner Frau, ist sie OK? Sie war OK und ich war es auch. So befreiten wir uns von dem Schnee und krochen aus dem Wagen auf die Autobahn. Es dauerte nur wenige Minuten, da hielt ein italienisches Auto und der Fahrer fragte besorgt, ob er uns helfen könne. Wir bedankten uns und ich bat ihn, meine Frau mitzunehmen bis zur nächsten Ortschaft, wo sie hoffentlich eine Werkstatt mit einem Abschleppwagen finden würde.

Wenig später hielt ein kleiner Cinquecento, auf der Antennenstange hatte er einen kleinen weißen Schleier – das Zeichen dafür, dass seine Insassen gerade geheiratet hatten und offenbar auf Hochzeitsreise waren. Beide boten ebenfalls ihre Hilfe an. Seit damals weiß ich, dass italienische Autofahrer im Prinzip stets hilfsbereit sind und immer anhalten, wenn sie glauben helfen zu können.

Ich hatte Mühe, dem jungen Hochzeitspaar mit meinem Italienisch klar zu machen, dass ich selbst keine Hilfe brauche und hoffe, dass schon eine unterwegs sein werde. Etwas zweifelnd, aber doch, stieg das entzückende Paar wieder ein und fuhr weiter.

Nur wenige Augenblicke später krachte ein Auto mit sehr hohem Tempo gegen die Felswand, prallte von der Wand ab, drehte sich und fiel aufs Dach. Den vier Insassen, allesamt Südtiroler, ist zum Glück nichts passiert.

Nach einem langen aufregenden Nachmittag mieteten meine Frau und ich ein Zimmer in Sterzing, weil unser Auto fahruntüchtig war. Zum Abendessen gingen wir in das hoteleigene Restaurant. Als ich es betrat, blieb mir fast der Atem weg: Dort saß das Hochzeitspaar, das mir unbedingt helfen wollte und das gottseidank kurz davor weitergefahren war. Denn der Wagen der Südtiroler flog genau dort über die Straße, wo die beiden gestanden waren. Wären sie nur ein wenig länger geblieben, wären sie beide tot gewesen. Ich konnte es nicht fassen, aber ich wollte es ihnen auch nicht sagen – weshalb sollte ich ihnen ihre Hochzeitsnacht mit dieser Horrorgeschichte verderben?

Zwei Wochen später stellte mir die österreichische Polizei die vordere Nummerntafel unseres Autos zu – Carabinieri hatten es an der Unfallstelle gefunden.

© Hugo Portisch