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Aneinander Vorbeireden

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Es ist erstaunlich — besonders religiös war ich ja nie.

Ich vereinfachte die Welt mit Kausalität und Quantenphysik. Göttliches Wirken nannte ich besonnenerweise: Schicksal.

Seit mir das Ausmaß meiner Verrücktheit jedoch zusehends evidenter wird, wächst daraus der Drang zur Quelle allen Seins vorzustoßen. Nun bin ich bereit noch ein Stück weiter zu gehen und zu behaupten, das Eine kann ohne das Andere nicht bestehen. Der Weg zu Gott ist unweigerlich ein Weg des Verrücktwerdens. Schließlich muss sich der Gottsuchende von den Fesseln der Vernunft befreien.

Vielleicht ist die Vorstellung, was es bedeutet "verrückt zu werden" auch einfach hässlich entgleist? Aber ist es nicht mit der halben Sprache so?

Wörter wie Liebe und Verrücktheit wurden über die Jahrhunderte derart entstellt, dass man gut daran tut, sich selbst eine Meinung darauf zu bilden. Wahrscheinlich reden wir deshalb ständig an uns vorbei. Weil wir glauben, verstanden zu werden. Doch in Wirklichkeit trennen uns Welten.

Die Gesetze, welchen wir wirklich unterworfen sind, dringen nur aus den eigenen Tiefen zu uns. Und diese Dunkelheit die uns umgibt, kann befremdlich und schwerlastend auf uns liegen. Auf der Flucht vor dieser ungeheuerlichen Einsamkeit, sind wir im Stande die verrücktesten Sachen zu tun. Lieber zwingen wir uns in ein entwürdigendes System, als dass wir uns einen Moment diesem Alleinsein aussetzen.

Wir finden die "große Liebe", sorgen für Nachwuchs und stellen uns ganz in den Dienst der Familie — ohne uns selbst je gekannt zu haben. Wir beschäftigen uns mit Dingen die uns nicht weiter bringen, suchen geradezu nach Strukturen die uns schaden und erlauben uns kaum einmal das zu tun was wir brauchen.

Ich fühlte mich mau und leer nach der Sitzung bei Doktor Schwarz. Ohne es wirklich gemerkt zu haben, hatte sie Fäden gezogen, die mit den dunklen Gründen meiner Seele verbunden sind. In der Kürze unseres Dialogs hatte sie mir durch geschickte Fragestellung auf den Zahn gefühlt. Ehrlich gesagt, war ich auch ein wenig enttäuscht.

Ich hatte mir vorgestellt, konkretere Anweisung zu erhalten. Und nun fühlte ich mich, als hätte man mir die Brust längs aufgeschnitten, meine Gedärme herausgerissen und alles in einem wilden Durcheinander liegen lassen.

"Sie haben es selbst in der Hand", hatte Doktor Schwarz gesagt. Ich spürte den Knauf bereits zwischen den Fingern und blickte über die Schulter zurück. Schwarz saß hinter ihrem Schreibtisch, die Fingerspitzen vor dem Gesicht aneinandergelegt grinste sie mich an.

"Sind sie bereit das aufzugeben was sie krank macht?", wollte sie wissen.

© Icaria 2019-09-25

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