Schwarz

  • 123

Wo fange ich am besten an?

Vielleicht an diesem entscheidenden Tag, als ich beschlossen habe ärztlichen Rat einzuholen...

Immerhin fühlte ich mich damals so gut wie lange nicht und mein Pandämonium war fest im Griff. Ich fand die Vorstellung unheimlich spannend, von der Sofakante des Therapeuten auf das dünne Glatteis meiner eigenen Seele hinauszuspringen.

Ein nicht aus der Fassung zu bringender Lebemann war stets das Objekt meiner Begierde, darüber hinaus von bestechender Schönheit und unvermuteter Seelentiefe.

Selbstverständlich wusste ich, dass diese Eigenschaften kaum jemals auf einen gleichen Nenner zu bringen sind und dennoch blieb ich meiner Dickköpfigkeit treu.

Ich tat mein Bestes um Doktor Schwarz nicht zu enttäuschen. Schließlich bemühte ich mich einzig und allein der Wahrheit wegen und ein Geständnis dieser Art bot zahlreiche Möglichkeiten den Mut zu verlieren.

Letzten Endes war ich auch bloß ein Mensch im Fangnetz der Gefühle. Und nicht selten resultierte daraus eine Notwendigkeit mich selbst zu belügen und zwangsläufig auch andere. Dazu erzogen ein makelloser Mensch zu sein und alles außer der Vorstellung von Perfektion zu verachten, führte ich meine Mitmenschen vorsätzlich an der Nase herum. Für jeden einzelnen von ihnen hatte ich ein fein säuberliches Bild konstruiert; sie kannten einen Teil von mir, aber die wenigsten wussten wirklich Bescheid.

Ich war ein Schauspieler! Ein Pierrot! Ein Kaspar Hauser und wie sie sonst noch alle heißen. Um keinen Preis der Welt wollte ich mich jedoch auf die Bühnen oder Leinwände der Vergnügungshäuser beschränken. Mein Szenarium war weitaus trivialerer Natur.

Mein Wirkungskreis war von privaten Angelegenheit kaum zu unterscheiden. Wäre mir das Eine genommen, wäre das Andere unweigerlich in sich zusammengestürzt. Die Grenzen dazwischen verliefen unklar und hinterließen selbst in mir ein unheimliches Gefühl.

Aber fragen sie einen echten Schauspieler! Wie mühsam kann es sein, auf der Bühne zu stehen und vorzugeben etwas anderes zu sein. Das mag vielleicht lustig klingen, aber in Wahrheit ist es ein Geschäft mit nicht geringer Gefahr. Der Mime weiß wofür er es tut. Hat er seine Aufgabe gut gemacht, wird er am Ende der Vorstellung mit Lob und Anerkennung überhäuft.

Er wäscht sich das Gesicht und schlüpft in seine alte Haut zurück. Aber ich, ich armer Kauz — ich spielte für keinen Lohn. Spielte für Banausen und ein größtenteils undankbares Publikum und stellte meine eigenen Bedürfnisse ganz hinten an. Und als ich plötzlich vor Doktor Schwarz saß, suchte ich verzweifelt nach meinem wahren Ich.

Wo war Ich bloß hinter all diesen verstaubten Kostümen?

Ich grub und grub durch unzählige Schichten mottenzerfressener Kleidung und fremder Angewohnheiten, bis ich gegen die Wand am Ende der Garderobe stieß.

© Icaria 22.09.2019