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Der "Zwiebel Traum"

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"Geht es ihnen nicht gut?", wollte Doktor Schwarz wissen.

Offenbar ließ sich meinem Gesicht entnehmen, dass mich etwas beunruhigte. Darüber hinaus war sie für diese Veränderungen bestens geschult. Einen Moment lang zogen mich die großmütterlichen Augen Doktor Schwarz an und ich schaffte es nur mit Mühe und Not mich wieder davon los zu reißen.

"Es geht mir blendend", murmelte ich.

"So gut wie lange nicht. Ich glaube...", fügte ich hinzu und spürte wie ich langsam errötete, "genau deswegen bin ich auch hier."

Sie blickte mich liebevoll an. Sofort glaubte ich zu erahnen, dass sie diesen Satz nicht das erste Mal hört. Eine Sache mit der Schauspielerei ist, dass man ständig glauben muss, andere spielen auch. Eine unbedeutende Geste konnte sich also schnell zur Heuchelei steigern.

Doch Frau Schwarz war professionell — durch und durch.

Dahinter steckte meines Erachtens die langjährige Erfahrung mit ein und derselben Rolle. Sie spielte beispiellos.

Dennoch schwankte ich zwischen dem Gefühl ganz in ihre Welt und ihren Regeln einzutauchen und grundlosem Zynismus. Abwechselnd glaubte ich genau das Richtige zu tun und anschließend dachte ich nur wertvolle Zeit zu verschleudern. Die Glaubwürdigkeit, die Doktor Schwarz an den Tag legte, änderte kaum etwas daran.

Unser Dialog dehnte sich bereits etwas über eine Stunde, als ich zusehends in eine Art Unzufriedenheit fiel und für die Fürsorge Doktor Schwarzs immer unempfänglicher wurde. Auch wenn ich Doktor Schwarz nicht wissen ließ, dass sie meines Erachtens ihre kostbare Zeit vergeudete, glaubte ich bemerkt zu haben, dass sie es auf anderen Wegen unmissverständlich erfahren hatte.

Gegen Ende unserer Sitzung ließ sie einmal mehr ein starkes Interesse erkennen. Sie schlug ein Bein über das andere und sagte: "Erzählen sie mir mehr von diesem Traum."

Ich atmete tief ein, seufzte und wühlte die Geschichte einmal mehr auf. Es war der gute alte "Zwiebel Traum", für den sich Doktor Schwarz so begeisterte.

"Zwiebel Traum", weil ich gegen Ende der Nacht feststellen musste, dass ich kein Mensch mehr war — sondern eine Zwiebel. Genauer gesagt: eine ungeschälte, frisch aus der Erde gezogene Zwiebel. Und wie in einem Film, namentlich Godzilla, näherten sich von beiden Seiten riesige Gestalten.

Erst ließ sich kaum etwas erkennen, doch als diese monströsen Erscheinungen nahe genug bei mir waren, dass ich etwas hätte erkennen können, fingen sie auch schon an mich Schicht um Schicht zu zerlegen und meine Augen füllten sich mit Tränen. Genau an dieser Stelle wache ich gewöhnlicherweise auf und stelle zu meiner Verwunderung fest, dass ich wirklich eine beachtliche Menge Tränen vergossen habe. Niemals zuvor habe ich in den lichten Sphären der Träumerei und zeitgleich in meinem Bett Tränen vergossen.

Ich fing an die Ereignisse für verrückt zu erklären und betrieb Nachforschungen.

© Icaria 2019-09-23

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