Eine Mikroreise für mich ganz groß!

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Eine Mikroreise für mich ganz groß! | story.one

Meine Füße waren voll Staub und die Fußsohlen ledrig vom vielen Barfußlaufen auf den stoppeligen Feldern und den rauen Wiesen. Es machte mich stolz, dass ich mit acht Jahren nicht zimperlich war. Schließlich galt das Sprichwort: "Ein Indianer kennt keinen Schmerz!" Und daran konnte man doch bitte wohl erkennen, dass ich ein Bub war!

Als ich an einem sehr heißen Nachmittag, völlig verschwitzt und erschöpft nach der Heuernte in die Stube kam, um einen Krug Most für meinen Vater zu holen, saß meine ältere Schwester, die in Linz zur Schule gehen durfte, mit einer Freundin auf der Eckbank und hatte gerade die Jause für die restliche Familie hergerichtet.

"Du siehst ja schlimm aus, Richie", sagte sie, sprang von der Bank auf, eilte mir entgegen und strich mir die nassen, kurzen Haare aus der Stirn, "es ist viel zu heiß draußen."

"Wir müssen das Heu aber noch hereinbringen, weil abends ein Gewitter kommt, hat Vater gesagt", antwortete ich tapfer. Meine Schwester strich liebevoll über meine roten Wangen und nahm mir den leeren Krug aus der Hand, um ihn mit Most zu füllen. "Ich werde ihn ihm bringen", sagte sie und wollte schon hinausgehen.

"Nein!", schrie ich und hielt sie am Rockzipfel zurück, "dann meint er, ich bin eine Memme. Ich gehe!", in meiner Stimme lag so viel Verzweiflung, dass sie mir wortlos den Krug wieder überreichte.

Als wir später alle zusammen um den Tisch saßen und das Abendbrot aßen, fasste sich meine Schwester ein Herz und meinte:" Morgen nehme ich den Richie mit nach Linz. Es sind Ferien und er soll ein paar Tage bei seiner Tante verbringen." Mein Vater leistete sofort Widerstand: "Ich brauche den Buben am Feld. Es gibt viel Arbeit." Doch das ließ meine große Schwester nicht gelten und ich schielte zum schwarzen Kater, der sich ruhig auf dem Sofa zusammengerollt hatte. Wie schon so oft in meinem Leben wollte ich mit ihm tauschen. Und in Augenblicken wie diesen, hatte ich nur den einen Wunsch: zu verschwinden!

Das Wunder geschah: mein Vater gab nach und ich wurde nicht zu einem Kater.

Ich war sehr aufgeregt in meinem schönen weißen Hemd, der blauen Stoffhose und einem Rucksack, den mir meine Schwester geliehen hatte. Und als ich auf dem Rücksitz des VW-Käfers, den die Freundin meiner Schwester lenkte, platz nahm, hatte ich das Gefühl, die ganze Welt läge mir vor Füßen.

In der "Grottenbahn" am Pöstlingberg konnte ich mich nicht satt sehen an den vielen Lichtern, den Zwergen, dem Drachen. An den Märchenfiguren und den fröhlichen Menschen, die um mich herum waren. Obwohl ich ahnte, dass es noch größere, noch eindrucksvollere Dinge auf dieser Welt gab. Obwohl ich von Mitschülern hörte, dass sie in Italien, in der Türkei und in Griechenland auf Urlaub waren, so war ich doch davon überzeugt, dass niemand ein schöneres Erlebnis haben konnte, als ich.

"Aber für dich zahlt sich das ja doch nicht aus...", hallt manchmal in meinem Kopf.

Am 5. Juli 2019 startet mein ERSTER großer Urlaub: ich mache eine Kreuzfahrt! Mit Isa.

Jetzt bin ich Hannah!

© IchbinHannah 03.07.2019