Mitmenschen sind verwirrende Wesen

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Mitmenschen sind verwirrende Wesen | story.one

Vielleicht ist es normal, dass man von Mitmenschen angestarrt wird, wenn man sie anstarrt. Vielleicht ist es normal, dass andere flüstern, wenn man selbst flüstert oder man wegschaut, wenn andere wegschauen.

Ich frage mich immer, wie mein Verhalten auf andere Menschen wirkt.

Ich frage mich immer, wie mein Aussehen auf andere Menschen wirkt.

Ich selbst finde mich - es fällt mir schwer darüber zu schreiben - ich finde mich nicht hässlich, aber auch nicht schön. An manchen Tagen aber finde ich mich durchwegs akzeptabel, vor allem, wenn ich zwei Stunden vor dem Spiegel verbracht habe, um mich "herzurichten".

Meine Freundin und Mentorin schimpft mit mir, wenn ich sage, dass ich nicht hübsch bin. Es ist nicht das Thema des "Hübsch-Seins" an sich, sondern des sich "Wohl-Fühlens" in seiner Haut. Und in meinem Körper bin ich eine Fremde. Mein Geist ist nicht eins mit meinen Knochen, meinen Organen und meiner Haut.

Im Spiegel erkenne ich mich nicht selbst und es starren mich traurige, türkise Augen an, die mir manchmal gefallen, aber nicht zu mir zu gehören scheinen und ich frage mich, wer ich bin.

In meiner Kindheit und Jugend beutelte mich das Unglück täglich beim Schopf. Ich war ein missratener Bub. Weder vom Körperbau noch vom Verhalten ein Stammhalter, den sich mein Vater wünschte und dessen Enttäuschung ich ständig zu spüren bekam.

Meine Pubertät erlebte ich als Bub, der von stärkeren Spezies seines Geschlechts ununterbrochen gehänselt und dem vor Augen gehalten wurde, dass er nur als Versager enden konnte. Eine Alternative blieb unerreichbar. Ich akzeptierte schließlich, dass nie etwas aus mir werden würde.

Als durch einen Zufallsbefund meine Gebärmutter und meine Eierstöcke in mein Leben traten war die Verwirrung perfekt. Mein Wunsch, spurlos und ohne Aufsehen von dieser Welt zu verschwinden, so als hätte ich nie existiert, erfüllte sich nicht. Ich musste eine Entscheidung treffen.

Sollte ich weiterleben als Mann, nur weil es in meiner Geburtsurkunde stand?

Doch in meinem Innersten sehnte ich mich danach, ein Mädchen zu sein. Ich beneidete seit frühester Kindheit meine Schwestern und meine Schulfreundinnen. Ich wollte sein wie sie.

Aber war ich wie sie?

Konnte ich jemals sein wie sie? War es möglich meine Kindheit als Bub zu vergessen, obwohl ich ja nie einer war? Ich war verwirrt - meine Umgebung war verwirrt.

Im Spiegel sehe ich ein Wesen, das auf jeden Fall mehr Frau als Mann ist. Viele sagen, ich sei eine ausgesprochen hübsche Frau. Aber dann sehe ich eine breite Stirn und ein breites Kinn. Starren mich deshalb Leute an?

Ich bin unsicher. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, ich sei nicht als Frau geboren worden. Aber warum ist mir das nicht einfach egal?

Vielleicht sind gar nicht meine Mitmenschen verwirrende Wesen?

Vielleicht bin ich ein verwirrtes Wesen?

Eure Hannah

© IchbinHannah 22.09.2019