Never alone

Streit. Schon wieder. Worum es diesmal ging? Irgendeine Nichtigkeit. Wie immer. Egal, sie ist weg, hat die Tür hinter sich zugeworfen. Ich sitze in der Wohnung, konsterniert von so viel Feindseligkeit. Ich müsste in die Arbeit, aber ich will raus, den Kopf frei kriegen - ich nehme mir spontan frei.

Es ist Mai, das Wetter ist schön, der Berg ruft. Auf die Reiteralpe im bayerischen Ramsau will ich, das Stadelhorn steht schon lange auf meiner Liste. Es ist ein Wochentag, es sind nicht viele Wanderer unterwegs. Auf dem Böslsteig geht es steil bergan, manchmal muss man die Hände zu Hilfe nehmen, aber ich genieße jeden Schritt - die Bergblumen blühen, die Sonne scheint mir auf die Haut. Endlich kann ich den Streit vergessen, verdrängen, dass diese Beziehung viel mehr Energie kostet, als sie mir zurückgibt.

Nach guten 2 Stunden habe ich das Hochplateau erreicht. Statt Wald gibt es nur mehr Latschen und Steine, das Gelände wird alpin. Bis jetzt bin ich keinem einzigen anderen Wanderer begegnet. An einer Wegkreuzung muss ich links abbiegen, das gelbe Schild informiert mich, dass es noch über 3 Stunden bis zum Stadelhorn sind. Kein Problem, ich habe Zeit und Ausdauer.

Eine Stunde später biege ich um eine Geländekurve und stehe plötzlich vor einem Schneefeld. Klar, es ist erst Mai und ich bin im Hochgebirge - eigentlich logisch, dass noch nicht alles weggetaut ist. Was mich irritiert: ich sehe keine Spur am Schnee. Bin ich in diesem Jahr der erste Wanderer, der diesen Weg geht? Ich denke ans Umkehren, doch ich bin schon über 3 Stunden gegangen, und umkehren ist wie aufgeben. Außerdem, was soll passieren, das Schneefeld ist nur 20 Meter lang, ich kann den Weiterweg auf der anderen Seite sehen, es ist nicht steil - ich packe das. Also stapfe ich über den Schnee.

Ein paar Minuten später folgt das nächste Schneefeld. Es ist viel größer, auch steiler. Aber vorhin hat es ja auch geklappt, also weiter. Ich trete fest auf, um nicht abzurutschen. Da passiert es - ich breche in das Schneefeld ein. Es ist unten hohl, unterspült vom Schmelzwasser, ich falle fast 3 Meter tief unter den Schnee, auf die Felsen. Ich verliere mein Käppchen, mein Knöchel tut weh, Schnee ist überall, ich sehe nur schwarz.

Ich gerate in Panik. Ich weiß nicht, wie ich aus dem Schnee kommen soll. Ich kann niemanden anrufen, auf der Reiteralpe gibt es kein Handynetz. Auf Hilfe brauche ich nicht hoffen - ich habe niemandem gesagt, dass ich wandern gehe, und schon gar nicht, wohin. Es wird auch kein anderer Wanderer zu Hilfe kommen - ich bin ja quasi allein auf dem Berg. Mir ist kalt, ich zittere.

3 Meter über mir leuchtet die Sonne. Ich konzentriere mich, denke nach. Ich schaufle mit den Händen Schnee weg, baue mir einen Weg nach draußen, stets bedacht, nicht noch weiter einzubrechen. Irgendwann habe ich es geschafft, ich stehe am sicheren Fels neben dem Schneefeld. Mir tut alles weh, aber ich habe mich nicht ernstlich verletzt.

Ich habe gelernt: ohne Partner geht es nicht. Zumindest beim Wandern.

© icon