Angekommen?

Vor genau 70 Tagen hat meine Reise begonnen. Von Seoul nach Tokyo über den Land- und Seeweg.

Land und Leute kennenlernen. Zumindest ein paar Schichten tiefer eintauchen in das Leben fernab von zu Hause. Die für den Tourismus aufpolierte Fassade durchdringen, und mehr zu sehen und erleben.

Immer wieder der Gedanke, der Wunsch, nein, das Verlangen hier doch irgendwann Fuß zu fassen. Bestätigt von den Erfahrungen der letzten Wochen.

Zum Abendessen gab es Sushi in Shibuya. Das Lokal ist bereits ein Fixpunkt meiner Reisen geworden. Das erste und das letzte Abendessen werden immer hier zelebriert. Heute war es ein Abschied.

Es ist bereits dunkel und es riecht nach Regen. Da kommt wohl noch was. Meinem Schirm gehts gut, der liegt in meiner trockenen Wohnung. Und genau da will ich jetzt auch hin!

Drohender Regen hin oder her, ich gehe zu Fuß. Sushi, Suppe, Nachspeise und Bier verlangen nach Bewegung.

Mein Handy vibriert, nur noch 5 Prozent Akku. Egal. Nach gut einem Monat in Tokyo habe ich bereits meine Stammrouten gefunden und bewege mich darauf problemlos fort. GPS und Routenberechnung brauche ich heute nicht mehr.

Es geht vorbei an der berühmten Shibuya Kreuzung. Es ist gerade grün geworden und die Menschenmassen stürmen aufeinander los. Beleuchtet von den riesigen Werbeflächen, angefeuert von plärrenden Werbejingles. "Wie bei Braveheart" denk ich mir "nur ohne nackten eh-schon-wissen und mehr Musik".

Für diese Strecke brauche ich normalerweise 40 Minuten, aber heute lasse ich mir Zeit.

Es nieselt. Shibuya Crossing hinter mir passiere ich die Weltuniversität und biege in ein Luxusviertel ab. Hier haben sich die großen Luxusmodehäuser breit gemacht. Ab und an bleibe ich stehen und glotze in die großen Schaufenster. Je teurer die Mode desto spärlicher sind die Läden bestückt.

Der Regen wird stärker.

Ich setze meinen Weg fort und biege ein paar mal ab. Bald bin ich auf der Straße die durch den Aoyama Friedhof führt. Abends ist es doch etwas gruselig hier, da hilft auch die Bezäunung nicht. Geister und Zäune...

Ein bisschen schneller als sonst überwinde ich diese Etappe und komme zu einer Brücke, bleibe stehen. Nicht weit ragt Roppongi Hills in die Höhe. Das Licht des Cafes der Kunstgallerie in der 52. Etage flackert kurz.

Es zwinkert mir zu.

Wehmut macht sich breit. Ich gehe weiter, der Regen hat aufgehört.

Hier zu bleiben kommt mir wieder in den Sinn. Noch einmal nach Wien, dann zurück für länger. Viel länger.

Ich gehe an einer Bar vorbei. Junge Leute sitzen am Fenster, gedämpfte Musik ist zu hören.

Auf einmal wird alles langsam, beginnt zu kippen.

Stille.

"Du gehörst hier nicht hin" geht es mir durch den Kopf.

Ohne Emotion, einfach so.

Die Zeit holt auf. Es ist 180 Grad später.

Mir ist klar, ich habe meinen Platz doch noch nicht gefunden. Nicht hier.

Ich gehe in meine Unterkunft und packe, denn morgen geht es zurück nach Wien.

© Ikaruz