Der Klang österreichischer Katzenzungen

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Heute bin ich zum Essen mit Shigeko-san und ihrer Familie verabredet. Wir treffen uns bei einer U-Bahnstation um gemeinsam zum Restaurant zu gehen. Vor zwei Jahren waren wir auch schon mal verabredet, und ich hatte mich in den kleinen Gassen verlaufen. Dieses Risiko wird heute nicht akzeptiert.

Shigeko-san hat sich vor ca einem Jahr das Bein gebrochen und tut sich noch schwer beim Gehen. Trotzdem holt sie mich persönlich ab und hält den Schirm mit ausgestrecktem Arm über uns. Sie ist zwei Köpfe kleiner als ich. Dass ich keinen Schirm benötige überhört sie geschickt.

Im Restaurant warten schon Shigeko-sans Mann und Töchter auf mich. Wir begrüßen und umarmen uns. Es fühlt sich an als hätten wir uns erst letzte Woche voneinander verabschiedet. Dass bereits 2 Jahre vergangen sind, ist nicht zu spüren.

Mir wird meine Jacke abgenommen und ein Platz am größeren der insgesamt vier Tische angeboten. Kleine Restaurants mit wenigen Tischen sind typisch für Japan. Shigeko-san stellt mir den Eigentümer und Koch vor. Wir verbeugen uns und ich stelle mich auf japanisch vor. Die Begrüßungsfloskeln kann ich bereits und bekomme sogar ein kleines "Wow"(Sugoi) als Lob.

Daisuke-san, das Familienoberhaupt überreicht mir stolz ein kleines Kästchen. Eines der neuen Geräte, dass Gesprochenes sofort in eine andere Sprache übersetzt. Ich drücke den Aufnahmeknopf "Ich bin froh, dass ich wieder hier mit euch sein kann". Kaum habe ich den Satz beendet ertönt eine Frauenstimme und mein Satz wird am Display auf deutsch und japanisch angezeigt. Ich staune nicht schlecht.

Der erste Gang wird serviert. Misosuppe. Ich ziehe das Schälchen näher an mich heran und verbrenne mir gleich die Fingerspitzen. Da muss ich wohl noch etwas warten. Ich mache ein Foto mit meinem Handy. Neben mir flüstert Riko-san in das Übersetzungsgerät. Es übersetzt sofort. "Wie klingen Katzenzungen auf deutsch?"

Schweigen auf meiner Seite, erwartungsvolle Blicke von allen anderen am Tisch. Ich überlege kurz was sie wohl meinen könnte und sage nur kurz "Miau". Kurze Pause. Schallendes Gelächter bricht aus. Ich muss mitlachen.

Shigeko-san erklärt es mir. Als Katzenzunge (nekojita) werden in Japan Menschen bezeichnet, die heißes Essen nicht vertragen. Alles klar. Ich überlege, komme aber nicht auf eine gleichwertige Bezeichnung auf deutsch. Egal, wir haben gelacht und Nekojita wird der running Gag des Abends.

Es ist Zeit für die Übergabe der Gastgeschenke (Omiyage). In Japan ist es üblich, dass der/die Schenkende erst dazu auffordert Geschenke zu öffnen. Ich mache das bei der Übergabe und gleich wird die Schokolade unter allen anwesenden, samt Koch, aufgeteilt.

Ich lehne mich satt zurück und schaue in die Runde. Alle hier kenne ich gerade mal seit drei Jahren und die Zahl unserer persönlichen Treffen kann man fast an einer Hand abzählen. Trotzdem fühle ich mich wie zu Hause, wie bei einer zweiten Familie.

Es geht mir gut und ich überlege "Was macht Heimat wirklich aus?"

© Ikaruz