Ich hab´ im Zug ein Ei gegessen

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Ich hab´ im Zug ein Ei gegessen | story.one

16A, 15C, 14C uuund 12B - gefunden! Auf 12A sitzt auch schon meine Sitznachbarin für die nächste Stunde, oder länger.

Meinen Rucksack verstaue ich auf der Ablage über den Sitzen. Ein letzter Blick auf mein Zugticket, 12B passt, ich setze mich hin.

Die Dame neben mir, ich schätze sie auf Ende 20 ist nicht wirklich angetan von einem Sitznachbarn. "Da müssen wir beide durch" denk ich mir und fische das KTX Magazin aus der Rückenlehne am Sitz vor mir.

War der Wagon gerade noch so gut wie leer, füllt er sich in den nächsten paar Minuten und nur noch ein paar Plätze sind frei. Dass ich mir das Ticket samt Reservierung bereits vor fünf Tagen geholt habe, hat sich bezahlt gemacht. Zu Hause darf ich das nicht erzählen, sonst ernte ich nur Gelächter, "Wenn du mal nicht planen kannst.." hihihaha..jaja.

Ein lauter Pfiff am Bahnsteig, die Türen schließen und der KTX fährt los um bald seine maximal Geschwindigkeit von knapp 300 km/h zu erreichen. Endstation Busan. "Train to Busan" geht mir durch den Kopf, ich muss grinsen. Die Horrorfilmfreunde werden es verstehen.

Wir erreichen den ersten Stop. Eine junge Frau führt eine ältere durch den Mittelgang. Sie bleiben neben mir stehen. Die alte Dame winkt mir ihrem Ticket in der Hand. Hab ich mich doch auf den falschen Platz gesetzt. Ich ziehe meinen Fahrschein aus der Hosentasche. Die Schaffnerin ist nun auch schon da.

Bevor ich den Papierstreifen herzeigen kann winkt die Schaffnerin ab und zeigt auf meine schlafende Sitznachbarin. Dicke Kopfhörer bereiten ihr einen tiefen Schlummer, der durch ein beherztes Tippen auf die Schulter von der Schaffnerin jäh beendet wird. Ich bin mittlerweile aufgestanden um Platz zu machen.

Nach kurzer Diskussion gibt meine bisherige Sitznachbarin auf, packt ihre Sachen und verschwindet, die alte Dame setzt sich und ihre Begleiterin verabschiedet sich.

Die Fahrt geht weiter, ich höre Musik und blättere durch das KTX Magazin.

Ich werde auf der Schulter angetippt. Die alte Dame neben mir grinst mich an und hält mir eine Flasche kalten gerösteten Tee entgegen. Ich lehne dankend ab, sie besteht aber darauf.

"Gamzahamida" sage ich, "Danke schön" und nehme die Flasche entgegen. Dass ich das Wort komplett falsch betone soll ich erst später lernen, Tage später.

Sie kramt weiter in ihrer Tasche und reicht mir ein hartgekochtes Ei entgegen. "Gamzahamida" grinse ich etwas überrascht. Sie packt noch ein Ei und Tee aus, und beginnt mit der Jause. Ich mache es ihr nach.

Die nächsten eineinhalb Stunden unterhalten wir uns. Zeigen uns auf den Handys Fotos von Familie, erzählen von zu Hause. Sie spricht koreanisch, ich englisch.

Wir verstehen uns prächtig!

Nur allzugern würde ich ihre Version der Geschichte kennen, von dem Europäer im Zug nach Busan, der mit ihr ein Ei gegessen hat.

© Ikaruz 14.01.2020