(N)ice to eat you!

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(N)ice to eat you! | story.one

Gerade noch fast menschenleer füllt sich das Abteil in den letzten paar Minuten bevor sich die Zugtüren schließen. Dicht drängen sich die Leute mit Sonnenhut, Sonnenbrille und Tagesrucksack aneinander. Ein Pfiff und wir fahren ab.

Ein Blick aufs Handy, es ist Dienstag. Wenn unter der Woche schon so viel los ist, möchte ich mir diese Reise an einem Wochenende lieber nicht vorstellen.

Die nächsten 30 Minuten schlängelt sich die Bahn an der Küste entlang und entlässt ihre Gäste an einem kleinen Hafenort - Otaru.

Die zähe Touristenmasse quillt aus dem Bahnhofsgebäude und kommt davor an der Hauptstraße zum erliegen. Es wird grün, wir bewegen uns weiter und kaum aufder anderen Straßenseite angekommen zerstreut sich die Menge in die umliegenden Gassen.

Wennimmer ich eine kleine Hafenstadt besuche ist der Hafen mein erstes Ziel. Warum weiß ich nicht, aber mittlerweile ist es zu einer Angewohnheit geworden. Am Hafen ist nicht viel los, keine wilden, seltenen Meeresbewohner sind zu sehen, nur die Möwen drehen ihre Kreise über dem Touristenzentrum.

Otaru ist bekannt für seinen Kanal. Untertags vielleicht nicht ganz so spannend aber Abends, wenn die Gaslaternen schummrig leuchten und den Ort in eine andere Welt versetzen, entfaltet sich sein Charme.

Voll gefüllte Boote machen sich auf den Weg durch den Kanal. Ich erkenne einige Gesichter aus dem Zug wieder. Es wird gewunken, vom Boot aus, vom Kai aus, von mir aus.

Im Hintergrund klimpern die zahlreichen Windglocken (furin) aus Glas, die an fast allen Masten und Laternen befestigt sind. Glas, eine weitere Attraktion in Otaru. In der vor mir liegenden Shoppingmeile gib es mehr Glasgeschäfte als erwartet, meine Suche nach einem passenden Furin bleibt trotzdem erfolglos.

Meine Aufmerksamkeit wird sowieso gerade vollstens beansprucht. Auf der anderen Straßenseite wird Softeis verkauft. Wieder so ein Touristennepp, denk ich mir, als gäbe es Eis nicht auch zu Hause. Hier sind es halt 8 Sorten, mit Melone, Lavendel, Joghurt...aus Hokkaido...gibts nicht zu Hause...ich stell mich an. Nebenan im Plastiksesselparadies wird schon eifrig Eis verputzt. "Na hier setz ich mich nicht rein, viel zu schön draußen".

Und wie so oft erweist sich ein, in der Theorie, makelloser Plan als etwas problematisch.

Die 7 Eis-etagen reagieren doch empfindlicher als gedacht auf die Temperaturen. Ich komme gute 10 Meter weiter bis ich mich auf einer Bank niederlasse um mit der Schadensbegrenzung zu beginnen. Foto muss ich auch noch machen. Meine nächste Antwort auf die übliche Frage von zu Hause "Du isst kein Fleisch was isst du sonst?"

Nach ein paar Minuten finde ich mich in einem der Plastiksessel wieder, Hände, Bart und Nase, alles pickt, verziert mit Serviettenfutzel. Gut wars trotzdem, auch wenn mir jetzt schlecht ist.

Die nächsten Stunde lasse ich mich planlos durch die Stadt treiben, zahllose Furin singen in Hintergrund.

Irgendwas pickt scho wieder!

Ich sags nur ungern, zuviel Eis ist auch nicht gut.

© Ikaruz