Der Biografiestab

Vor Jahren - ein heller Raum, geöffnete Fenster und ein ganz leichter Frühsommerwind bauschte hin und wieder die feinen weißen Gardinen – und im Raum eine besondere Wohlfühlstimmung. Im Kreis versammelt eine wunderbare Frauen-Vielfaltmischung, in der Mitte ein besonderer Blickfang – in einer alten Schwinge lagen unzählige Wollknäueln, vom kleinsten Resteball der feinsten Wollen bis zu großen Schafwollbündeln in allen Farben und vom unschuldigen Weiß, über sonniges Gelb, feuriges Rot zu den tiefen schwarzen dunklen Tönen.

Ein intensives Eintauchen in die eigene Biografie im geschützten Rahmen die beiden Tage zuvor, machte diese Gruppe zu einer besonders harmonisierenden Einheit und man freute sich auf das gemeinsame Arbeiten.

Dicht um das herrliche Wolle-Farbenspiel wurden nun Haselnussstäbe in unterschiedlichsten Längen und Stärken dazugelegt, mancher etwas krumm, ein anderer strichgerade, wieder einer knorrig, so unterschiedlich wie sich Lebenswege der Menschen gestalten.

Nach meditativer Einleitung, im Ohr leise wunderbare Hintergrundmusik galt es nun den eigenen Weg, Lebensabschnitte mit unterschiedlichsten Wollen in verschiedenen Farben auf den Stab zu wickeln. Ich spüre heute noch diese besondere Magie dieser Arbeit …

Die älteste Teilnehmerin, eine alte Dame weit über achtzig, sehr aktiv, heiter und lebensfroh, meldete sich um über ihren Stab zu erzählen. Vom strahlenden Weiß, über Rosa und Gelb zeugten die Stationen ihrer Geburt, ihrer Kindheit und Jugend. Dreimal ein tiefes Rot symbolisierte die Liebe zur ihren 3 Kindern und deren Geburten und dann erzählte sie im gleichen Tonfall weiter: „Hier hat er mich das erste Mal richtig zusammengeschlagen, weil da hat er schon getrunken, da war es dann ganz schlimm – weil da hat er mir richtig schwer Gewalt angetan, er hat dann auch die Kinder geschlagen, und dann hat er da die Arbeit verloren …“

Die Stille wurde plötzlich greifbar, dicht – und die Farben auf dem Stab waren intensiv präsent - dunkelblau, dunkelviolett und letztendlich tiefschwarz!

-und sie sprach weiter im gleichen Tonfall: „Da ist mir mein Mann gestorben – er hat einen Herzschlag gehabt …. „ und genau nach diesem Satz zeichnete sich am Stab ein Streifen vom klaren Weiß bis zum herrlichen Sonnengelb ab. Die Stille wurde so greifbar, dass sie es spürte, sie hob den Kopf und blickte reihum. Einer jungen Frau liefen Tränen über die Wangen.

Sie legte behutsam ihren „Biografiestab“ ab, stand auf, ging auf die junge Frau zu und nahm sie in den Arm und sagte:“ Jetzt ist alles gut!“

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