Selfie mit dem Tod

Nach dem Anruf am Vormittag tippte ich die letzten Zahlen und Zeichen auf der Tastatur, schloss Dokumente, fuhr den Computer herunter und beendete den Arbeitstag um 9.23 Uhr! Ich setzte mich ins Auto und fuhr in die große Stadt. Ein Hilferuf war es, der Hilferuf einer Freundin, die gerade ihre Mutter verloren hatte!

Genau um 7.17 Uhr am letzten Tag im Juni ist sie gestorben. Es tröstet nicht, dass 74 Jahre, selbstbestimmt, mit Höhen und Tiefen gelebt wurden – sondern eine Tochter trauert mit jeder Phase um die Mutter. Ein eingespieltes Zweigespann waren sie über Jahrzehnte – und irgendwie war da nie Platz für irgendjemanden dazwischen. Es hat sich halt so ergeben. Sie lebten eine Art von Symbiose – wo sich für mich das Gefühl auftat, dass es genauso wunderbar passt für beide.

Meine Freundin verlor nicht nur Mutter, sondern die gesamte Familie – und auch ihren Lebensmenschen. Wie vereinbart kam ihr Hilfe-Anruf zu dem Zeitpunkt, wo die Trauer sie wie ein wildes Tier ansprang, ihr die Luft zum Atmen nahm und die Panik vor dem Endgültigen sie in ein schwarzes Loch fallen ließ.

Wir trafen uns im pulsierenden Innenstadtleben und nicht in ihrem „Panikroom“ – der Mutter-losen Wohnung. Ein kleiner Tisch in einem Cafe in einer großen übervollen Buchhandlung wurde für Stunden unser „geschützter Raum“. Die Geräuschkulisse schaffte einen sicheren Rahmen für das was notwendig war – für ihre Erzählung über die letzten Stunden mit ihrer Mutti, über jedes Wort, dass sie noch sprechen konnte, für Tränen, für unser Schweigen dazwischen, für das leise Gefühl, dass es möglicherweise wieder etwas geben wird – und dann sogar für ein Lächeln, hin und wieder, unter Tränen bei mancher Anekdote über die Verstorbene.

„Willst du das letzte Selfie von Mama, dem Tod und mir sehen?“ – dieser Satz warf mich unvermittelt in eine andere Realität. Die letzte bewusste Handlung war das Machen diese Selfies auf dem Totenbett, auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter hin. Sie wollte dieses Selfie … „von uns dreien…“– wie sie noch leise meinte, und mit Hilfe der Tochter schaffte sie es, noch selber auf den Auslöser zu drücken.

Und da war er – präsent, nicht drohend, eher erlösend - aber irgendwie zum richtigen Zeitpunkt - der Tod! Sichtbar in den geöffneten Augen der Mutter, die durch einem hindurch in das Sein oder Nichtsein danach blicken, dem diffusen Hintergrund des dunklen Raumes, dem durchscheinbarer werdendem Hautbild der Mutter und auch in den wissenden trauernden Augen der Tochter ….

Es hat alles seine Richtigkeit, so nehme ich an – und sei umarmt meine Freundin!

© Ilsebo