Vom Leben und Sterben im Kasten

Gleich im Vorhaus der alten Großeltern im Ausnehmerhäusl stand er – der alte einfach gezimmerte Bauernkasten aus Fichtenbrettern, schlicht, massiv. Beim Aufmachen ächzte das alte Möbelstück, leicht angerostete Scharniere erzeugten diesen einzigartigen Ton, wenn Metall auf Metall scheuert und aus Holzwurmlöchern rieselte es mehlig, staubig zu Boden. Unscheinbar war er – und doch von besonderem Wert.

Beim Aufmachen tat sich nicht nur die Kastentür auf - sondern auch ein Blick in ein längst vergangenes Leben um 1870. Innen auf der Kastentür fanden sich ungelenker Kurrentschrift wichtige Ereignisse des Lebens meiner Urgroßeltern aufgelistet.

„Am 18.2.1870 ist uns der Josef geboren und am 20.2. ist er uns gestorben.

Heute am 15. des April 1873 ist die Maridei gekommen

Am 15. Juli … sind uns wieder ein Josef und ein Paul geboren. Der zweitere ist uns gleich gestorben und der Josef ist uns drei Tag‘ später gestorben.

Ein großes Unglück hat uns troffen. Der Blitz hat uns beim letzten großen Unwetter Ende Juli drei Kühe erschlagen.

Jetzt im Oktober 1877 ist uns wieder ein Josef geboren. Er schreit und is g’sund.

Geboren am 2. Januar 1879 ist uns ein liebes Meinsch. Wir haben sie auf Anna getauft.

Am 15. Dezember ist uns der Anton geboren. Er hat nicht Luft g’holt. ….“

Eine ganze Kastenseite gibt Zeugnis von Unwettern, Ernteausfällen und Geborenwerden und Sterben. Vierzehnmal ist meinen Urgroßeltern jemand geboren, Achtmal ist das neue Leben wieder gestorben und dann findet sich ein dick unterstrichener Eintrag

…. und heute ist mei‘ Frau, die Maria, im Kindbett g’storben …

und ein weiterer Eintrag nur einige Monate später.

In der Pfarrkirche heute die Hedwig geheiratet, weil Kinda brauchan a neu Muata

Die Großeltern sind längst nicht mehr, das Ausnehmerhäusl ist verkauft – und eines Tages war er weg – der Lebenskasten meines Urgroßvaters! Irgendjemand nahm den Kasten, schnitt ihn zusammen und wärmte vermutlich einige Stunden ein Zimmer damit.

Mir wärmen bis heute die Zeilen meines Urgroßvaters mein Herz.

© Ilsebo