An der Bushaltestelle

Neulich, da an der Bushaltestelle. Ich trete hinzu. Da stehen sie und starren. Da fegt der Wind vorbei, hebt Blätter und Chipspackungen hoch, dreht sie, wirbelt sie und legt sie nieder. Die Gestalten reglos. Die Anzeige ohne Bewegung. Das Wartehäuschen knarzt, leise, aber doch. Hör es nur ich, so untergetaucht im Rauschen vorbeidriftender Wagen, vorbeisurrender Hybride? Das gellende Schreien sich verfolgender Kindergärtler verliert sich am Ende der Straße. Die Gestalten reglos. 4 Minuten.

Dann zuckt die Hand des Alten vor, raus aus dem Ärmel, mühelos rein in die rechte Hosentasche, geräuschlos oder unhörbar im Windsäuseln, tanzende Blätter ringsum. Die Packung, unschwer rote Gauloises erkennbar, schnell geöffnet, schnell die Tschick in die Finger gezwickt, schnell die Tschick an die Lippen gesetzt, eingeklemmt, kaum erkennbar die Flammen des Feuers, die sich stemmen gegen den Föhn. Da brennt sie, die Tschick, ein tiefer Zug. Dabei das Feuerzeug wie selbstverständlich in die linke Jackentasche steckend, hebt sich leicht das Kinn, geht der Blick kurz auf mich, kurz nur, dann wieder gradeaus, starr, die glimmende Tschick verhaucht den Rauch im Wind. Die auf Widerruf gestundete Zeit wird sichtbar im Gesicht des Alten, tiefe Furchen, schiefsitzende Kappe, Falten neben den Augen, graumeliertes Haar, das wie Strohhalme im Rhythmus des tänzelnden Windes mitwippt. Die Gestalten reglos. Die Reste des Schneematsches sterbend am föhneingebrochenen Wind, der bleierne Müdigkeit über das Salzachtal legt.

Starr sein Blick auf eine graurosane Fassade gegenüber der Straße gerichtet. Sind das neugierige Augen hinter dem weißen Spitzvorhang im ersten Stock? Mechanisch führt die gesteuerte Hand die Tschick zum Mund. 3 Minuten. Hängende Schultern verborgen unter einer dunkelgrünen, abgehalfterten Winterjacke, viel zu warm für das Wetter. Gelbgegerbte Finger, als er wieder den Zug nimmt, tief. Kein Wimpernschlag, oder? Starre, leere Pupillen, vor denen die Autos vorbeiziehen. Ein Rauschen wie beim Verteilen der Innendispersion weiß von Alpina mit der Rolle an der Zimmerwand. Der föhneingebrochene Wind reißt an der dunkelbraungefleckten Kappe, fängt sie aber nicht, zu fest am Kopf verkrallt. 2 Minuten. Die Gestalten reglos.

Der Alte führt die Tschick an den Mund. Wo wollte ich eigentlich hin? Dunkle Flecken auf der Schnürlsamthose, kahle Flecken auch, Uringeruch, oder? Ausgelatscht, die Schuh, breitgetreten, Leder, schnür die Schuh. Der mechanische Zug. Der Rauch flieht in den Wind. Die Tschick am Ende. Die Hitze gerbt die Haut. Starr der Blick auf eine graurosane Fassade gerichtet. Dann dringt der Schmerz durch, er zuckt müde, zermürbt, lasche Bewegung mit der Hand. Die Tschick, die weggeworfene, stirbt mit einem Zisch.

© Impertinentis