DIE SEKRETÄRIN

Ich hatte einen Job als Sekretärin bei einer Baufirma. Geleitet wurde sie von einem seriösen, doch schon sehr betagten Herrn. Seine Gattin, die auch täglich in die Firma kam, widmete sich ausschließlich und mit Hingabe den Finanzen. Weitere Familienmitglieder fanden hier auch ihr Betätigungsfeld. Die Tochter z.B., die auch einen Stock über den Büroräumen wohnte, erschien stets am späten Vormittag - meist in bequemen Hausschuhen - blätterte einige Versandhauskataloge durch, prüfte gewissenhaft die Angebote und fand sie etwas Erstrebenswertes, füllte sie die Bestellkarte aus. Damit hatte sie ihr Arbeitspensum eigentlich schon erfüllt, schließlich war sie ja "Prokuristin". Ihr geschiedener Gatte, ihre beiden Töchter, ein Neffe der Chefin, weiters noch eine entfernte Cousine und deren Tochter waren auch in der Firma beschäftigt. Einige "Fremde" - darunter auch ich - gab es dann doch noch.

Herr Prokurist Schwiegersohn war ein ganz Flotter. Seine tägliche Begrüssung lautete schlicht und einfach "guten Morgen, einen Kaffee" und er schritt forschen Schrittes in sein Büro. Kam er jedoch morgens mit Sonnenbrille - die er dann erst gegen Mittag abnahm -, verschwand grusslos in seinem Zimmer und verlangte nach geraumer Zeit über das Telefon "einen Tee, bitte", war klar, er hatte einen"anstrengenden" Abend.

Herr Prokurist Neffe war ein ganz Braver, wollte aber auch mit irgendetwas auftrumpfen. Eines Tages fragte er mich, ob ich mit ihm zu einer Baubesprechung ins Hotel Hilton käme um mitzustenographieren. Ich war sehr aufgeregt. Sah schon vor mir, wie ich am Besprechungstisch zwischen Architekten und Bauleitern sitzen werde und eifrig mitschreibe was hier so alles besprochen wird. Ich kleidete mich seriös, schwarzer Rock, schwarzer Blazer, weisse Bluse. Ordentliche Frisur mit Haarspray befestigt. Bleistift gespitzt, Stenoblock in die Hand und los ging`s.

Wir erreichten das Hilton und fuhren in die Garage. Na klar, wo sonst hin. Aber dann wird es doch sicherlich aufwärts gehen? In einen Besprechungsraum, in dem schon die Architekten und Baumeister warteten! Irrtum. Wir gingen weiter durch die unteren Räume, trafen dort den "Hausmeister" - heute vermutlich facility manager. Weiter ging es durch Müllräume, durch Waschküchen, wo es ordentlich dampfte - mein Haarspray hatte sich schon fast aufgelöst. Manchmal murmelte der "Neffe" einige Wörter, die ich dann aufschrieb. Es ging um neue Sicherheitstüren. Ich meinte dann nur, er hätte sich auch ein Diktiergerät mitnehmen können. Das hat ihm nicht gefallen. Da der "Hausmeister" von seinem Erscheinen "mit der Sekretärin" auch nicht beeindruckt war, war seine Enttäuschung unübersehbar.

© InaRavain