LAWUA UND TROTTOA

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LAWUA UND TROTTOA | story.one

Ein nettes Abendessen in einem gutbürgerlichen Gasthaus in Wien. Familie und Freunde hatten sich getroffen, so ca. 20 Personen an einem Tisch werden es gewesen sein.

Geplaudert wurde über dies und das und auch noch einiges anderes. H. und K., Freundinnen aus Schulzeiten (beide so ca. 45 Jahre alt) erinnerten sich an ihre gemeinsamen Jahre und daran, dass sie sich - entgegen anderer Jugendlicher - einer "gewählteren" Ausdrucksweise bedienten.

Das Gespräch interessierte mich nicht sonderlich. Meine Aufmerksamkeit erregten sie erst als das Thema Dialekt bzw. Hochdeutsch zur Sprache kam. Französische Wortfetzen flogen durch die Luft. Es erstaunte mich, dass sie "Lavoir" und "Trottoir" als Beweis für ihre gewählte Ausdrucksweise nannten. Für mich waren das in meiner Kindheit gängige Begriffe.

Mir gefiel es damals gar nicht, wenn ich mir die Füße im Lawua waschen sollte. Mir wäre lieber gewesen, meine Mutter hätte mir eine Waschschüssel hingestellt. Wir sollten auch nicht auf der Strasse herumlaufen, sondern brav am Trottoa bleiben. Das Wort Gehsteig hätte mir viel besser gefallen. Aber was soll`s. So nannte man die Dinge eben. Wir wussten auch, dass Männer aufs Pissoa (Pissoir) gingen und am Friedhof sorgten die Pompfinebra (pompe funebre) für eine würdige Bestattung. Heute haben sich die Anglizismen durchgesetzt. Damals waren französische Wörter in der Umgangssprache verhaftet. Ich bevorzugte allerdings "Hochdeutsch".

Mein Großvater liebte Quargel. Mit Brot und Butter richtete er sich sein Abendessen damit an. Ich hasste diese Dinger. Sie stanken fürchterlich. Und allein schon dieses ordinäre Wort "Quagl"! Und ausgerechnet mich schickte man zur Greißlerin, dieses stinkende Zeug zu kaufen. In der kleinen Greißlerei standen ein paar plaudernde Frauen. Sie kannten mich natürlich alle und waren sehr freundlich zu mir. Sie ließen mich vor und ich konnte meine Bestellung aufgeben. Natürlich wollte ich besonders "schön sprechen"! Nicht so gewöhnliche Wörter wie Trottoa, Lawua, Quagl - nein ich konnte es besser.

"Bitte zehn Deka Queigl!"

Ein Nachfragen der Greißlerin und ein verhaltenes Kichern um mich herum verunsicherten mich. Doch tapfer wiederholte ich meine Bestellung.

Ich bekam was ich wollte. Musste aber feststellen, dass Queigl genauso stinken wie Quagl.

© InaRavain 01.12.2019