Für einen Moment ein Star sein

Es sollte der Tag werden, der mein Leben radikal verändert. Leider hatte ich überhaupt keine Ahnung, ob es klappt. Aber der Reihe nach...

Meine Freundin Tanja und ich standen uns bereits stundenlang vor der Backstagehalle in München die Füße in den Bauch. Wir wollten endlich rein. Unsere Lieblingsband "Sleeping with Sirens" veranstaltete hier ein Konzert.

Als sich die Tore endlich öffnen, rannten wir sofort in Richtung Bühne. Dicht auf den Fersen, die bedrohliche Menschenflut. Wir erkämpften uns Dank vollem Körpereinsatz den perfekten Platz mitten in der ersten Reihe. Alles ist dunkel.

Gespannt starrten wir nach vorne. Erste Gitarrentöne durchbrachen die aufgeregte Stimmung. Nach und nach gingen die Scheinwerfer an und stellten die Bandmitglieder in gleißendes Licht. Die Menge flippte aus. Hände wurden nach oben gerissen und im Takt von links nach rechts geschwungen.

Mein T-Shirt klebte schon am verschwitzten Körper, doch ich sprang weitere wie wild auf und ab. Noch war alles im Plan. Und ganz in meinem Element merkte ich gar nicht, wie schnell die Zeit verging. Es wurde wieder dunkel und die Band verschwand von der Bildfläche. Aus, vorbei. Mein sehnlichster Wunsch wurde nicht erhöhrt.

Es breitete sich eine Enttäuschung in mir aus, denn ich hatte mehr von dieser Nacht erhofft. Da erhellte sich die Bühne erneut, und die Musiker kamen nochmals zum Vorschein. Kellin, der Sänger, griff zum Mikrofon und bat die Security um Hilfe.

Ich dachte, mein Herz bleibt stehen und mein Kopf spielt verrückt. Die Security kam direkt auf mich zu, zog mich mit einem Ruck über die Absperrung und führte mich auf die große Bühne. Ich stand da wie auf Wackelpudding und zitterte am ganzen Leib.

Auch Tanja wurde aus der Menge gefischt und zu mir auf die Bühne gebracht. Die Fans kreischten wie wild drauf los. Das Gefühl da oben zu stehen, vor hunderten Menschen, war einfach unbeschreiblich. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper.

Kellin hielt mir sein Mikro hin und meinte, dass ich wohl etwas zu sagen hätte. Ich griff danach und ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr Herr über meine Tränen.

Sprachlos ging ich vor meiner Freundin auf die Knie, griff nach ihrer Hand, blickte in ihr Gesicht und fragte mit zittriger Stimme, ob sie mich heiraten möchte.

Alles um mich herum war ausgeblendet. Ich hatte nur Augen für Tanja, und sie ... nickte. Blitzartig realisierte ich, dass ihr Nicken „JA“ bedeuten würde. So sprang ich auf, fischte mit zittrigen Fingern irgendwie den Ring aus meiner Hosentasche und steckte ihn meiner Zukünftigen an. Wir küssten uns leidenschaftlich, während die ganze Halle dazu jubelte.

Woher die Band von meinem Plan wusste? Eine Freundin hatte ein Mail mit meinem Vorhaben an den Gitarristen der Band weitergeleitet, aber leider nie eine fixe Antwort bekommen. Deshalb war ich vor der Zugabe so enttäuscht, weil ich dachte, dass mein Herzenswunsch nicht in Erfüllung geht... Heute weiß ich: Man darf die Hoffnung niemals aufgeben! Niemals! ;)

© Ines Mähr