Wenn der Türke Kaffee trinken will

Ich wohne wie alle normalen Menschen im Rudel. Eine Grundregel des Zusammenseins ist: „Wer alle macht, kauft nach.“ Einfaches Prinzip. Solange es nicht um besondere Lebensmittel ginge. Bereits mit oder durch Kaffee brechen Kulturgräben auf. Die Welt teilt sich in ganz neue Tortenstücke auf.

Kommen wir zum Anlass: Bei Kaffee entstehen Fragen größerer Dimension. Wenn der Kaffee zum Beispiel bei Janos aus ist, kauft er immer diesen Jugokaffee, den er dann euphemistisch türkischen Kaffee nennt. Dabei kommt der Jugo aus Jugoslawien. Ich weiß, Jugoslawien gibt es seit 30 Jahren nicht mehr. Ich muss zu meiner Schande gestehen, ich habe die neuen Grenzen noch immer nicht kapiert. Nennen wir ihn einfachheitshalber: den Jugo, der dann gleich auch mit seiner ganzen Familie eingezogen ist. In ein Zimmer, das eigentlich schon für 2 zu klein ist. Aber Enge scheint für sie kein Thema zu sein. Die Jugo-Familie also. Aus diesem Kräfteverhältnis heraus verlangen sie, dass ihr Jugokaffee zum WG-Standart-Kaffee erhoben wird. Alles was Recht ist.

Konkret: Der Türke, der so heißt wie der Jugokaffee, seit 2 Tagen in der WG wohnhaft, hat heute das 1. Mal Kaffee kaufen müssen. Nur einige Minuten später steht prunkend in der Mitte des Küchentisches das aufgemacht Glas, das einer Schweizer Firma zu Welterfolg verholfen und einen Gattungsnamen eingebracht hat: Nescafe heißt inzwischen jeder lösliche Kaffee. „Was heißt hier, du dachtest, es sei egal!“ Meine Erschütterung ist uferlos. „Das ist kein Kaffee, sondern eine Camping-Notlösung! Er solle sich erst garnicht falsche Gewohnheiten aneignen...“ Na mehr habe ich nicht gebraucht. Einigung unmöglich. Welche Art Kaffee nun eine schlechte Gewohnheit ist, sollte bei einem Forum basisdemokratisch entschieden werden. Die Fraktion: löslicher Kaffee springt auf: „Es ist einfach zu machen.“ Bernhard gesellt sich dazu. „Was soll das für ein Argument sein? Einfach zu machen?“ Alle beiden Mitglieder: der Türke und der Österreicher bleiben hart in ihrer Verhandlungsposition. Die Jugo-Fraktion bestehend aus 4 oder einer Familie und wiegt sich in Sicherheit. Ich werde ein Gruppenstimmrecht einführen. Heute. Jetzt. Anlassgesetzgebung. Ganze Familien bekommen nur eine Stimme, damit reduziert sich die Jugo-Fraktion auf eine Stimme, also zu wenig, um weiter im Rennen zu sein. Der Italiener mit seinem Espresso und ich bleiben noch übrig. Wir gründen „die Wahren“ Kaffeetrinker. Es sind noch 3 andere hier wohnhaft, aber die kriegen zum Thema Kaffee kein Stimmrecht. Daniel ist erst 3 Jahre alt, einer ist im Urlaub. Ach ja, und der 3. ist Deutscher. Ich sage nur Melitta. Wer hat sie erfunden, die Kaffeefilter-Tüte? Ich bin zwar auch Deutsche, aber als einzige Hauptmieterin die personifizierte Macht. Ich bin zu allen Wahlen eingeladen.

Inzwischen hat der Jugo dem Italiener den Türkischen Kaffee angeboten, um Espresso zu kochen.

Es geht auch so.

© Ines Sommer