Früher: Mein Daddy

Mein Vater war ein ganz besonderer Mensch. Wie besonders jemand ist, merkt man aber oft erst, wenn man ihn verliert.

Mir ging es so, als am Vortag eines verlängerten Wochenendes - wir wollten in den Süden fahren - das Telefon läutete. "Polizei Lienz, sind Sie die Tochter von Herrn K.? Er hatte einen schweren Unfall!"

80 Jahre war mein Vater zu diesem Zeitpunkt, immer noch ein viel zu flotter Autofahrer und wahrscheinlich ein bisschen durcheinander, weil ein paar Monate zuvor meine Mutter gestorben war. Sein Kopf und seine Wirbelsäule hatten nichts abbekommen, soviel fand ich sofort heraus. Dann setzte ich mich ins Auto und brauste nach Lienz. Der Mensch, der dort auf der Intensivstation an x Kabeln und Schläuchen hing, hatte wenig mit meinem Vater gemein. Der war ein Bär von einem Mann gewesen, aufrecht und tatkräftig. Dort lag ein zerschundener Körper, von oben bis unten blau und bandagiert. 16 gebrochene Knochen, Prellungen, offene Wunden...

Der diensthabende Arzt meinte lakonisch: " Wenn ein 40-Jähriger in so einem Zustand ist, hat er eine 40-prozentige Überlebenschance. Rechnen Sie sich aus, wie die Chancen für einen Achtzigjährigen stehen." Nicht sehr tröstlich, aber ich war dankbar für seine Ehrlichkeit. Mir blieb also Beten. Und das Erstaunliche war, dass ich sogar in den Nächten, die ich dort verbrachte, gut geschlafen habe, in der völligen Gewissheit, gut aufgehoben zu sein in Gottes Hand. Wie es kommt, so ist es recht, habe ich mir gedacht. Aber auch: Du kannst mir doch nicht in einem Jahr beide Eltern nehmen!

Wir ließen ihn dann mit einem Intensivtransport nach Salzburg bringen, damit er in der Nähe der Familie war. Zwei Monate Intensivstation später lag er auf der Normalstation und kämpfte sich mit unglaublicher Disziplin zurück ins Leben: Aufstehen lernen, gehen lernen, selber essen lernen. Alles kam zurück, sogar die Liebe hat er wiedergefunden, weil eine liebenswerte Freundin an seiner Seite ausgehalten hat und ihn täglich besucht und aufgemuntert hat. Nach Reha und kurzfristiger Betreuung durch eine 24-Stunden-Hilfe haben beide aufbegehrt: Sie schaffen das schon gemeinsam. Und ein Doppelbett wollten Sie auch, das hatte ich nämlich schon weggeräumt, um Platz für ein Pflegebett zu schaffen.

Dass er sich wieder ein Auto anschafft, haben wir im letzten Augenblick verhindert. Er hat den schon unterschriebenen Kaufvertrag rückgängig gemacht und sich schweren Herzens aufs Busfahren reduziert.

Was das Schönste ist: Er hat in all der Zeit das Lachen und das Interesse an den anderen nicht verlernt. Neun schöne Jahre haben wir noch genossen. Er war ein Geschenk.

© inge vavrovsky