#corcooning

Unverfügbare Freiheit

  • 123
Unverfügbare Freiheit | story.one

FREIHEIT! Mein höchster Wert. In diesen Tagen ist es mir scheinbar nicht möglich "wertekonform" zu leben. SCHEINBAR. Ich erinnere mich. Schon einmal war ich für Wochen ans Haus gefesselt, weil ich meinen sterbenden Vater begleitete und nach seinem Tod, meine Mutter betreute. Meine Beziehung war "kompliziert", die gemeinsame Beratungsfirma lief nicht gut und überhaupt frustrierte mich meine Arbeit als Wirtschaftstrainerin mehr und mehr.

In diesen Tagen am Sterbebett meines Vaters, stellte sich mir mein eigenes Leben in den Weg und fragte mich:"Was ist nur aus dir geworden? Deinen Träumen? Deinen Sehnsüchten. Deinen Werten?" Ich war an meine Verantwortung als betreuende Angehörige gefesselt.

Das Pilgern ist für mich der Inbegriff von frei sein. Abseits von allen Rollen mit wenig Gepäck. Das Aufbrechen, das Unterwegssein, das Ankommen und das erneut Aufbrechen. Pilgern als Symbol für den Lebensweg und Freiheit in ihrer ganzen Verfügbarkeit. Das war mir in jenen Tagen verwehrt und ich beschloss, die unverfügbare äußere Freiheit, gegen die durchaus verfügbare innere Freiheit auszutauschen.

Damals entschloss ich mich, das Buch, das schon lange in meinem Kopf herumgeisterte, zu schreiben. Ein spirituelles Buch. Ein achtsamer Begleiter auf Pilgerwegen. Mein Verstand wollte mich davon abhalten, ein spirituelles Buch zu schreiben. Zu groß die Angst, in die esoterische Ecke gedrängt und von meinen Kunden nicht mehr ernst genommen zu werden.

Ich war niemals frei, denn ich hatte mich diesem Konsumsystem ausgeliefert. Genoss es, mein Ego zu füttern mit Äußerlichkeiten und verkaufte dabei meine Seele. Nachdem ich 2007 zu pilgern begonnen hatte, verlor diese auf unbegrenztes Wachstum ausgerichtete Wirtschaft und damit einhergehend, die Zerstörung unserer Erde, mehr und mehr ihren Reiz für mich. Freiheit die Geld kostet ist falsch. Auf meinen Pilgerwanderungen erkannte ich, dass Freiheit nur in der Reduktion zu finden ist. Im Sein und nicht im Haben.

In jenen Tagen am Sterbebett meines Vaters, an denen mich mein Leben rief, stieg ich für mehrere Stunden am Tag aus, um zu schreiben. Immer mehr wurde mir bewusst, was falsch war in meinem Leben. In meiner Beziehung und in meinem beruflichen Tun. Ich wusste, dass ich nicht mehr in diese alte Welt zurückkehren wollte.

Diese, im wahrsten Sinn des Wortes "Midlifecrisis", stellte damals mein Leben auf den Kopf. Ich trennte mich von allem, was mir nicht gut tat. Inklusive meinem Partner und der gemeinsamen Firma. Ich brauche so vieles nicht mehr und brauche für Unnötiges kein Geld verdienen. Mein neues Geschäftsmodell war meins, war authentisch und ich kann davon leben. Was brauche ich mehr? Und wenn mir danach ist, dann breche ich auf. Mein Rucksack ist zum Symbol für meinen Lebensrucksack geworden. Mit leichtem Gepäck zu leben und unterwegs zu sein ist meine Prämisse. Und Corona? Meine Freiheit kann mir auch diese Krise niemals nehmen. Sie ist in meinem Inneren verfügbar.

© Ingeborg Berta Hofbauer 05.04.2020

#corcooning