Gelernt

  • 152
Gelernt | story.one

2011 eröffnete in Wien das erste Lernhaus, das Rote Kreuz und einige große Firmen sorgen für die Finanzierung, das Rote Kreuz auch für die Bereitstellung der PädagogInnen. Das Ziel ist, Kindern und Jugendlichen , die im Elternhaus nicht unterstützt werden können, beim Lernen zu helfen. Im besten Fall ist es Hilfe zur Selbsthilfe. Und es wurden freiwillige Helfer gesucht.

Ich war sofort Feuer und Flamme für diese Idee und bewarb mich für die Betreuung von Jugendlichen. Einmal in der Woche ging ich nun am späteren Nachmittag ins Lernhaus . Theoretisch weiß man ja um den schwierigen Schulalltag von Kindern, die nicht ausreichend Deutsch sprechen, weiß um überforderte Eltern, aber das Alles dann hautnah zu erleben ist eine andere Geschichte. Etwa das dreizehnjährige Mädchen aus Afghanistan, das noch nie eine Schule besuchen durfte und jetzt in einer dritten Klasse NMS dem Lehrstoff folgen sollte. Oder eine junge Türkin, die völlig übermüdet war, weil ihre Mama in den frühen Morgenstunden putzen ging und sie vor der Schule die kleine Schwester versorgen und auch in den Kindergarten bringen musste. Zu sehen, dass die meisten Jugendlichen ihren Wohnbezirk noch nie verlassen hatten, dass SchülerInnen ( 15 Jahre!) der neunten Schulstufe den Unterschied zwischen Bürgermeister und Bundespräsident nicht kannten.

Es gab auch skurrile Situationen. Jenen zwölfjährigen türkischen Burschen, dem ich beim Bruchrechnen helfen wollte und der mir in holprigen Worten erklärte: "Das ist Mathematik, ist zu schwer für Frau!" Ich konnte ihn bestimmt, aber liebevoll vom Gegenteil überzeugen, dann wich er mir nicht mehr von der Seite, wollte nur noch mit mir lernen.

Im Laufe der Jahre bildeten sich dann fixe Lernteams, meines bestand aus 3 Mädchen, talentiert und motiviert und froh über jede Art von Unterstützung und Zuwendung. Nach den Hausübungen und Vorbereitungen sprachen wir oft über private Dinge, und nach drei Jahren im Lernhaus waren sie mir ans Herz gewachsen. Alle hatten eine Lehrstelle gefunden und damit endete für sie die Unterstützung. ( Aus Platzmangel werden SchülerInnen nur bis zum Ende der neunten Schulstufe betreut.)

Ich entschied mich, das Lernhaus zu verlassen und die drei privat durch Ihre Lehrzeit zu begleiten. So trafen wir uns weiterhin einmal in der Woche und letzten Sommer bestanden die mittlerweile jungen Frauen ihre Lehrabschlußprüfungen, haben Arbeit und viele Pläne für die Zukunft. Und weil sie ihre Berufsausbildung in einem Umfeld gemacht hatten, wo korrektes Deutsch gesprochen wird, haben sich auch Ihre Sprachkenntnisse extrem verbessert. Das ist auch etwas, was ich vorher nicht wirklich einschätzen konnte. Es nützt wenig, immer wieder Fehler auszubessern, wenn das Umfeld - sei es die Schulklasse , das Elternhaus, oder beides - kein "richtiges" Deutsch spricht, kann die Sprache nicht gelernt werden.

Auch ich habe in diesen Jahren viel gelernt!

© Irene 10.07.2019