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#kinder#theater#wunderbar

Wunderbar! Bezaubernd!

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Wunderbar! Bezaubernd! | story.one

Meine kleine Theatergruppe ist ein bunter Haufen. Da gibt es die 10-jährige Marie, (Namen alle geändert aus Respekt vor der Privatsphäre der Kinder), die zum wiederholten Mal in der 2. Klasse Volksschule sitzt. Bisher schaffte sie den Deutschtest für ein Aufsteigen in die nächste Klasse nicht. Der 8-jährige Tom, die Hälfte eines Zwillings-Gespann und am Anfang seines Lebens schwerer Gewalt ausgesetzt, ist auch in der Gruppe. Der Vater hat Besuchsverbot bei seinen Söhnen. Dann ist einer der Nachwuchsschauspieler der kleine Patrick, der keine fünf Sekunden still sein kann. Chaos ist also Programm. Aber wir haben alle Spaß.

Neulich fand ich ein Zitat von Pippi Langstrumpf.

"Wunderbar! Bezaubernd!"

“Was findest du so bezaubernd?”, fragte Tommy. “Mich”, sagte Pippi zufrieden (aus: “Pippi geht an Bord”)

Das verwendete ich gleich für die nächste Theaterstunde. Die Kinder lachten, als ich es vortrug. Ein Mädchen fragte mich dann, warum Pippi sich selbst so bezaubernd findet. Ich stellte die Frage an die kleine Truppe zurück. “Sie hat schöne Schuhe!”, erklärte Tom.

Ich liebe es, wie Kinder die Welt sehen. Nicht die feinen Stöckelschuhe von Manolo Blankhi sind schön, sondern Pippi's Treter.

Als ich die Kinder fragte, ob sie glaubten, dass Pippi sich selbst gerne hat, bejahten das alle. Pippi ist eben wunderbar! “Seht ihr, das seid ihr auch!” ,erklärte ich ihnen.

Um dem Nachdruck zu verleihen, sagte ich das jedem Kind einzeln: “Du bist so wunderbar und bezaubernd wie Pippi”. Man konnte sehen, das freute sie. Tom war so begeistert, dass er sich auf den Boden zwischen meine Beine setzte. Und schon riefen die anderen Kinder empört: “Tom hat den Mittelfinger gezeigt!”

Ich blickte nach unten. Der Kleine war sichtlich mit sich zufrieden und grinste über beide Ohren. War ja klar, dass Tom meine Aussage sofort überprüfte. Schließlich konnte ich ihm nicht erzählen, er sei so toll wie Pippi Langstrumpf, um ihn dann auszuschimpfen.

“Das ist allerdings nicht so wunderbar und bezaubernd von dir! Du bist toll, aber das was du da getan hast, nicht!"

Mittlerweile strahlte er übers ganze Gesicht und krabbelte auf seinen Platz zurück.

Der Rest der Stunde verlief lustig und fröhlich. Am Schluss setzte ich mich noch mit den Kindern hin und wir besprachen die Situation vom Anfang nochmal. Tom erklärte sich bereit, sich besser zu benehmen und die anderen Kinder erklärten sich bereit, weniger streng mit ihm zu sein.

Dieser bunte, kleine Haufen, die werden vielleicht sogar alle Freunde werden, so unterschiedlich sie sind. Jedenfalls werden sie lernen, dass jeder in dieser Truppe seinen Platz hat und sich entfalten darf.

© Irene_Tell 2020-11-21

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