Den Wald umgraben

Manchmal vermisse ich dich so sehr, dass ich den Wald umgraben möchte. So wie früher. Den Wald umgraben heißt, Probleme lösen. Über Gefühle zu sprechen. Wut rauslassen. Weinen. Lachen. Alleine den Wald umgraben geht nicht, du fehlst.

Für Außenstehende gaben wir bestimmt ein, mehr als fragwürdiges, Bild ab. Die sahen nämlich einfach nur ein Mädchen, das mit einem Stock auf den Waldboden einschlug. Von Zeit zu Zeit, warf sie die aufgewühlte Erde vom einen, auf den anderen Erdhaufen. Dabei regte sie sich furchtbar über etwas oder jemanden auf, weinte oder war still. Danach fielen ihre Blicke wahrscheinlich auf dich. Du saßt meistens auf dem Waldboden und hast einfach nur zugehört.

Keine meiner bisherigen Therapien, konnte mit dem Umgraben eines Waldes mithalten. Ich nahm all meine Dämonen mit in den Wald. Dort blieben sie dann auch. Sie blieben, weil ich mit dir an meiner Seite, stark genug war, sie zurückzulassen. Deswegen kann ich den Wald nicht alleine umgraben. Sie würden mir wieder folgen.

Wenn wir heute den Wald umgraben würden, dann würde ich dir alles und nichts sagen. Alles, weil ich dir so viel erzählen möchte. Nichts, weil mir dafür die Worte fehlen. Außerdem hätte ich Angst. Davor, dass du mir nicht glauben würdest. Obwohl es wahr ist. Auch nach all den Jahren, bist du immer noch etwas, zwischen Freundschaft und Liebe für mich.

© Isabella Herdega