Der Wert der Zahl Null

Manchmal wache ich nachts auf. Dann stehe ich auf und öffne das einzige Fenster in meinem Zimmer, wodurch man in unseren Garten blicken kann. Es ist ein großer Garten mit einem Pool und einer Hängematte, gespannt zwischen zwei wuchtigen Apfelbäumen. Doch in den Nächten in denen ich vor meinem Fenster stehe und hinaus blicke, wird das alles von einer undurchdringbaren Dunkelheit verschluckt. Man blickt in vollkommene Finsternis und es fühlt sich an, als würde ich durch das Fenster direkt in mich blicken. Ich hasse diese Nächte. Hasse es dann durch mein Fenster in die Dunkelheit zu starren. Hasse diesen Gedanken der dabei in mir aufkeimt. Hasse meine Tränen die mir langsam über die Wangen laufen und die sich so anfühlen, als würde meine Haut darunter versengt werden. Aber was ich am meisten hasse in diesen Nächten, bin ich selbst.

Ich bin das, wovor kleine Kinder in der Dunkelheit Angst haben, das wovon sie glauben es würde sich unter ihren Betten und im Kleiderschrank verstecken. Ein Monster. Das ist der Grund warum ich meinen Anblick im Spiegel nicht ertragen kann. Hast du schon einmal versucht dich vor dir selbst zu verstecken? Vor dir selbst wegzulaufen, einfach die Flucht zu ergreifen? Wenn ja hast du auch bestimmt schon bemerkt, dass dies unmöglich ist. Wir sind unser eigener Gefangener. Einen größeren Feind als uns selbst gibt es nicht.

Weißt du noch, was deine Eltern zu dir gesagt haben, wenn du dir früher den Kopf gestoßen oder das Knie aufgeschürft hast? Richtig, alles wird gut. Das ist, neben dem Christkind und dem Osterhasen, die erste Lüge die man dir erzählt hat. Nichts wird gut. Verletzungen heilen, aber Narben bleiben immer. Oft sieht man sie nicht, denn die wirklich schlimmen Dinge im Leben zerfressen einen innerlich.

Würde man jeden Einzelnen von uns aufschneiden, sähe man die großflächigen Verätzungen und die verkrusteten Narben, die immer wieder aufgerissen werden. Und dann, ja vielleicht dann erst, würde man bemerken dass es auch Menschen gibt die aus einem Hohlraum bestehen. Menschen in deren Innern nichts als Leere herrscht. Menschen die nur dafür leben, ihre Leere mit einer Hülle zu beschützen, weil ihnen nichts mehr anderes bleibt. Vielleicht fragst du dich jetzt, warum es denn dann nicht besser wäre einfach zu sterben. Wenn man sowieso mit nichts durch die Welt läuft, was würde es dann für einen Unterschied machen ganz weg zu sein? Dann frage ich dich: Wie kann ein Nichts verschwinden? Wo nichts ist, kann sich nicht plötzlich etwas auflösen.

© Isabella Herdega