"Ich bin eine Missgeburt!"

"Bitte Isa! Du weißt, dass es mein größter Wunsch ist", jammert sie und zerrt wieder einmal an meinem Handgelenk. Ich versuche, ihre Hand abzuschütteln. Es nervt mich, wenn sie an mir herumzerrt.

"Das kann ich nicht machen!", sage ich laut und fühle mich elend bei diesem Gespräch. "Doch!", sagt sie mit Nachdruck und lacht. Ich habe das Gefühl, dass sie es genießt, wenn ich leide.

"Was gibt es da zu lachen?", frage ich forsch und merke, wie sich meine Stirn in tiefe Falten legt. Den Griff um mein Handgelenk kann ich noch immer nicht abschütteln, weshalb ich mit der freien Hand nach ihren Fingern greife und sie mit sanfter Gewalt von meinem Handgelenk löse.

"Das kannst du schon! Ich möchte das. Du weißt, dass ich mich danach sehne", sie schaut mich flehend an.

Ich werfe einen kurzen Blick auf den Stapel Papier, den sie mir vor die Nase auf den Tisch geknallt hat.

"Du fährst mit mir in die Schweiz!", sagt sie mit Nachdruck und schaut mich durchdringend an. Mir ist schlecht. Sie meint es ernst.

"Aber du kannst es trotzdem schaffen", versuche ich zaghaft zu argumentieren, denn ich bin mir nicht mehr sicher, ob sie den Willen und die Stärke dazu aufbringen kann.

"Unsinn! Ich wollte es schon immer und ich schaffe das Leben einfach nicht", wieder schiebt sie mir den Stapel Papier vor die Nase.

"Ich kann lesen!", fauche ich und blicke sie böse an.

"Vor einem Jahr hast du mir versprochen, dass du mit mir in die Schweiz fährst, wenn es mir nicht besser geht. Und es geht mir noch schlechter", erinnert sie mich.

Oh ja! Warum habe ich das nur gesagt?

Ich kann mich erinnern: sie hat mich unter Druck gesetzt. Es war nicht fair.

Wie nachlässig von mir, diesem Druck nachzugeben.

Ich sehe sie an. Sie ist wunderschön!

Es tut weh.

"Du hast nicht alles versucht", werfe ich ihr vor und gehe in die Offensive.

"Wir sind grundverschieden. Ich empfinde viele Dinge anders als alle anderen. Ich weiß das", sagt sie unbeirrt.

"Einen Dreck weißt du!", rufe ich zornig aus, "was hast du dir denn von dieser Welt angesehen? Du weißt gar nichts! Du sitzt in deiner Wohnung und bemitleidest dich selbst! Ich begreife das nicht! Du bist hübsch, sexy und intelligent. Du bist etwas Besonderes!", zetere ich und meine es auch wirklich so.

"Ich bin nichts Besonderes! Ich bin eine Missgeburt", kommt prompt und sie senkt traurig ihr geschundenes Haupt.

Ich möchte gerne vermeiden, dass mich der aufkommende Zorn übermannt, aber ich schaffe es nicht: "Wenn du einmal ausgehst, hast du einen One-Night-Stand! Ich hatte das noch nie!" Ich weiß, ein mageres Argument.

"Den meisten Männern ist egal, mit wem sie nach Hause gehen. Das heißt gar nichts", sie grinst und verdreht die Augen.

"Oh doch! Keiner nimmt eine Hexe mit nach Hause!", sage ich zornig.

"Ich möchte aber wunderschön sein. Oder tot", sagt sie und schlägt die Augen nieder.

Sie hat recht. Ich kann sie nicht verstehen, aber ich weiß, dass sie tot sein möchte. Doch mit meiner Unterstützung kann sie nicht rechnen.

© Isabella Maria Kern