Ist einmal der Ruf ruiniert, lebt es ...

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Ist einmal der Ruf ruiniert, lebt es ... | story.one

... sich ganz ungeniert.

Wieder Nachtdienst mit Richard.

Herr Oberarzt X. schaute sich verstohlen um, ließ sich neben mich auf einen Schreibtischsessel plumpsen und rückte hastig ganz dicht an den Tisch heran, an dem ich gerade die Tabletten für den nächsten Tag für sechsundzwanzig Patienten vorbereitete. Er sah mir zu, ohne etwas zu sagen.

Ich wusste genau, was er dachte und amüsierte mich prächtig. Er sollte ruhig noch etwas "zappeln" und ich wollte, dass er mich darauf ansprach. Es dauerte nicht lange. Dazu war er viel zu neugierig.

Er kam mir etwas näher, sah sich um, versicherte sich, das wir alleine waren und flüsterte: "Was ist denn mit dem Richard?"

Ich wusste genau, was er meinte.

"Was soll denn mit ihm sein?", fragte ich unschuldig und stoppte meine Tätigkeit, um seinen stupiden, fragenden Blick zu genießen. Er sah mich groß an.

Sollte es nur ER bemerkt haben?

"Aber... der ist doch geschminkt!", rief er aus. Ich tat so, als wäre es das Normalste der Welt und zuckte gelangweilt mit den Achseln.

"Na und?", sagte ich und widmete mich wieder den Tabletten.

Ich merkte, dass er innerlich vor Neugierde "zersprang". Er rückte noch näher.

"Ja (Pause), aber warum?", fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen und ich fand diese Frage ziemlich dämlich.

Ich lachte: "Warum wohl?" Er starrte mich an.

"Ist er schwul?", fragte er erstaunt und ich fragte mich, in welcher Welt unser Oberarzt wohl lebte. Ich nickte schmunzelnd und freute mich, dass es nun auch ER "gecheckt" hatte und musste an das Sprichwort denken:

"Ist einmal der Ruf ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert!"

Ich freute mich für Richard, denn wenn es unser Oberarzt wusste, dann brauchte man niemand mehr zu informieren.

Doch leider ging es Richard auch nach dem "Outing" nicht besser. Obwohl er nun, ohne seltsame Blicke zu erhaschen, von seiner Leidenschaft für Männer schwärmen konnte, fühlte ich doch seine Unsicherheit und seine Traurigkeit.

Erst zwei Jahre später wusste ich, dass sein "Outing" nur eine Farce war.

Erst zwei Jahre später erfuhr ich etwas über das Thema Intersexualität.

Richard war kein schwuler Mann.

Richard war eine Frau.

Hätte man, im besten Fall als Baby, einen Ultraschallkopf an seinen Bauch gehalten, hätte man die Eierstöcke und die Gebärmutter gesehen, die ihn zur Frau machen. Er hätte sich fast zwanzig Jahre "Testosteron-Therapie" erspart. Aber was hilft ein "hätte"...

Zwei Jahre nach seinem "Outing" kämpfte er dafür, Frau werden zu dürfen. Er kämpfte mit sich, mit seiner Familie, mit der Gesellschaft, mit der Krankenkasse und mit seinem Ruf.

Heute ist Richard Romy.

Heute ist nicht alles gut. Aber es wird besser.

Es wird von Jahr zu Jahr besser.

Ein langer Prozess. Ein hartes Leben.

Aber es lohnt sich zu kämpfen!

Für jeden von uns!

© Isabella Maria Kern 21.09.2019