Mein neuer, seltsamer Arbeitskollege

"Was? Der fängt bei uns auf der Station zu arbeiten an?", stellte Lydia fest und rümpfte die Nase. An ihrem Tonfall war unschwer zu erkennen, dass sie ihn nicht leiden konnte.

"Kennst du ihn denn?", fragte ich auffordernd und versuchte meinen aufkommenden Ärger zu unterdrücken.

"Ein bisschen", meinte sie lapidar und ich fragte mich, wie man eine Person "ein bisschen" kennen konnte.

"Wie ist er denn so?", fragte ich neugierig und hoffte, sie spürte, dass ich ihre Vorurteile verabscheute.

"Er ist ein elender Bauernbub", sagte sie abfällig und ich werde diese Worte mein Leben lang nicht vergessen, denn gleichzeitig erstarb jegliche Sympathie für diese Arbeitskollegin und im selben Moment erwachte mein Beschützerinstinkt für meinen neuen Kollegen, den ich vor solchen bösartigen Weibern beschützen musste.

Ich kannte Richard auch nur flüchtig. Er fiel durch sein seltsames Benehmen und durch seine unmännliche Stimme auf, die zu hoch und etwas heiser an den Krankenhauswänden widerhallte. Er war etwas schmächtig, lachte unorthodox und hatte neben seiner unmodernen Brille auch eine schreckliche Frisur.

Richard war fast fünfzehn Jahre jünger als ich und ich freute mich auf unseren ungewöhnlichen, neuen Arbeitkollegen. Auch mein Chef entsprach mit seiner jovialen, offenen Art nicht meinem Bild von einem Vorgesetzten und ich dachte mir, dass die beiden bestimmt gut harmonieren würden, was dann auch so eintraf... .

Als dann Richard auf unserer Station zu arbeiten begann, fing auch für mich ein ganz neuer Lebensabschnitt an, denn ich habe ihn zu einem Teil meines Lebens gemacht.

Ich liebe alles, was etwas aus der Reihe tanzt und Richard ist alles andere als normal und angepasst. Gut möglich, dass ich so etwas anziehe.

Dass die Chemie zwischen Lydia und Richard von Anfang an nicht stimmte, war im Vorhinein klar, ohne je eine Chance für Richard eingeräumt zu haben. Aber es war kein großer Verlust für ihn.

Von den anderen Kollegen und Kolleginnen wurde er gut ins Team integriert. Schnell war allen klar, dass er ein außergewöhnlicher, nicht uninteressanter, aber manchmal doch etwas merkwürdiger und sehr anstrengender Mensch war. Richard war einfach anders.

Er wurde von den älteren Kolleginnen bemuttert und hatte sehr bald einen flotten Haarschnitt, gab etwas Gel in die Haare und ersetzte seine unmoderne Brille gegen Kontaktlinsen.

Seine blau-türkisen Augen mit den fast schwarzen, dichten Augenbrauen und den langen dunklen Wimpern sahen beinahe verführerisch aus - solange er den Mund hielt. Er war laut, er war schrill, er war unmännlich.

Von den Patienten wurde er ganz unterschiedlich wahrgenommen und sein "Schmäh" war manchmal grenzwertig. Die einen lachten sich halb tot, andere waren perplex und wieder andere waren froh, wenn er wieder aus dem Zimmer war.

Von einem kleinen Bauerndorf in eine mittelgroße Stadt zu ziehen hinterließ bereits nach wenigen Wochen Spuren... .

© Isabella Maria Kern