Schnappi ist kein Krokodil!

Eines meiner liebsten Schätze ist ein Kinderbuch meines Vaters, das der Grund dafür ist, dass er mich seit siebenundvierzig Jahren "Schnappi" nennt.

Als vor Jahren das Kinderlied "Schnappi das Krokodil" ein Riesenerfolg wurde, freute ich mich zwar für das Kind, das eine nette Stimme hatte, doch fortan wurde es schwerer für mich, zu erklären, warum ich den Spitznamen "Schnappi" trug. Und ich ärgerte mich, wenn mich jemand mit dem Lied oder einem Krokodil in Verbindung brachte, denn ich war ein FUCHS.

"Schnappi" schrieb vor etwa 100 Jahren ein gewisser O. Bowlen und es ist aus dem Englischen übersetzt im Ostmarken Verlag, Wien, erschienen.

Mein Vater las mir jeden Tag die Abenteuer des kleinen Fuchses vor, wie er mit seinen Freunden durch den Wald tobte. Schnappi wollte eines Abends unbedingt mit seinem Freund Kragi, dem Fischotter, auf ein Hasenfest gehen, was für Füchse natürlich nicht möglich war. Also nahm Schnappi heimlich ein Hasenkostüm und zwängte sich hinein. Es war ihm zu kurz und er musste das Fell bei den Pfoten etwas wegschneiden, sodass seine Zehen herauslugten. Den buschigen Schwanz befestigte er mit einer Sicherheitsnadel, die ihm leider bei einem wilden Tanz um das Lagerfeuer aufging und der Schwanz zum Vorschein kam. Die wütenden Hasen verjagten den zu Tode erschrockenen Fuchs.

Im Alter von etwa drei Jahren besaß ich einen Schlafanzug, der nur den Kopf freiließ und da ich ständig und schnell wuchs, wurde mir dieser Schlafanzug zu kurz, was meine Mutter dazu veranlasste, eine kleine Korrektur vorzunehmen, damit mir das gute Teil noch eine Weile passte. Sie schnitt kurzerhand den vorderen Teil des Stoffes weg, in dem meine Füße steckten und so schauten nur meine Zehen und mein Kopf aus dem Ganzkörperpyjama.

Als mein Vater mich so sah musste er fürchterlich lachen und zeigte mir gleich das Bild vom Schnappi, der in dem zu kleinen Hasenfell steckte. Ab diesem Zeitpunkt nannte mich mein Vater immer Schnappi, auch heute noch, ein halbes Jahrhundert später.

Nur mein Vater und mein Mann haben das Privileg, mich Schnappi nennen zu dürfen und sie tun es inständig und mit Begeisterung. Sogar auf unserer Hochzeitseinladung stand in großen Lettern : BAMBI & SCHNAPPI, was für allgemeine Verwirrung sorgte.

Bambi taufte ich meinen Mann, als ich ihn vor 8 Jahren im Reitstall meiner Schwester kennen lernte. Er wollte mir weismachen, dass er in Gesellschaft ein scheues Reh ist, was mich zu dieser Namensgebung veranlasste. Rehe flüchten, wenn man versucht, sie mit Gewalt festzuhalten. Aber man kann sie füttern und zähmen, dann werden sie bleiben und sich wohlfühlen.

... und so leben Schappi und Bambi glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

© Isabella Maria Kern