Stolzer Besitzer einer Gebärmutter

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Stolzer Besitzer einer Gebärmutter | story.one

2011

Richards Haare reichten schon bis zum Kinn. Seine braunen Locken brachten ihm viel Lob und eine Menge fragender Blicke ein, vor allem von jenen Pflegepersonen, die ihn nur flüchtig kannten.

"Für den Wehrdienst war ich untauglich", erzählte er mir.

"Warum genau?", fragte ich neugierig.

"Ja, weil ich mich ausziehen musste!", sagte er, so als müsste ich es jetzt verstehen.

"Was hat der Militärarzt zu dir gesagt?", fragte ich gespannt.

"Er hat gesagt, ich solle zu einem Arzt gehen. Ich habe nicht nachgefragt und bin wieder nach Hause gegangen. Ich hab mich gefreut, dass ich untauglich bin", war seine lapidare Antwort.

"Hat er nicht gesagt, welchen Arzt du aufsuchen sollst oder weshalb du untauglich bist?", wollte ich wissen.

"Nein, ich schwöre! Einfach nur untauglich", er hob zum Schwur die Hand.

Ich konnte es kaum fassen. Aber ich kam zu dem Schluss, dass der Militärarzt davon ausgegangen war, dass Richard von seiner Intersexualität wusste, sonst hätte er ihm sicher eine Überweisung zu einem Spezialisten gegeben, oder?

"Und dann?", war meine nächste Frage.

"Nichts. Ich habe nicht darüber nachgedacht", sagte er und biss in ein Stück Würstchen, das eine Kollegin übrig gelassen hatte.

"Bevor ich das Testosteron abgesetzt habe, war ich beim Arzt, um meinen Hormonstatus kontrollieren zu lassen, und weißt du was?", Richard lachte so schallend, dass bestimmt auch die Nachbarn etwas davon hatten.

"Was?", fragte ich artig.

Richard war immer für Überraschungen gut.

"Er hat mich angerufen und sich entschuldigt, dass meine Blutprobe verwechselt worden ist. ich sollte noch einmal zur Blutabnahme kommen", er sah mich belustigt an und ich fand es nicht komisch.

Als er nicht weiter sprach, sondern mich nur lachend ansah, fragte ich folgsam "Und?"

"Ich bin wieder ins Labor gefahren. Man erklärte mir, dass mein Blut mit dem einer Frau verwechselt worden war. Sie schickten die nächste Probe ein", er wollte die Geschichte so spannend wie möglich machen.

"Ja?", fragte ich ungeduldig.

"Der Arzt rief wieder an, und meinte, es sei ihm so unangenehm, aber ich müsste noch einmal komme, weil etwas nicht stimmte", er lachte schrill.

Ich hatte eine Vorahnung.

"Die weiblichen Hormone waren sogar höher als bei einer normalen Frau, deshalb bekam ich das erste Mal in meinem Leben eine Ultraschalluntersuchung", jetzt machte er die nächste schöpferische Pause.

Aber als er mir erzählte, er sei Eigentümer von zwei Eierstöcken und einer Gebärmutter, war ich tatsächlich irritiert. Damit hatte ich nicht gerechnet.

"Dann bist du ja gar nicht im falschen Körper!", stellte ich aufgeregt fest.

"Ja sicher! Sieh mich doch an, ich bin ein Mann", sagte er mürrisch.

"Nein, das bist du eben nicht! Du warst immer eine Frau, aber man hat es nicht erkannt. Das ist ja großartig!", rief ich aus und war vor Begeisterung kaum zu bremsen.

"Isa, ich habe Angst", sagte er ernst.

"Ich weiß, aber die erste große Hürde hast du schon genommen!"

© Isabella Maria Kern 09.12.2019