Wetterfühligkeit und Sturm im Kopf

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Wetterfühligkeit und Sturm im Kopf | story.one

Gestern war ein seltsamer Tag.

Schon in der Früh wurden wir gefordert, auch wenn wir Überraschungen gewohnt waren und uns nicht so schnell etwas "vom Hocker riss".

Bei der Dienstübergabe kam die Raumpflegerin mit rotem Gesicht in den Sozialraum gestürzt. "Frau H. aus Zimmer 12 liegt auf dem Boden. Sie blutet stark", rief sie und sah uns entsetzt an.

Da ich der Tür am nächsten saß, war ich auch die erste im Patientenzimmer. Frau H. lag etwas verrenkt vor der Badezimmertür und stöhnte. Mit fachmännischem Blick erspähte ich erleichtert den Venflon samt Reste des Verbandes, der noch vor kurzem in der Vene der Patientin steckte. Er lag friedlich, der kleine Schlauch zerknüllt und ausgedient, unweit ihres Armes am Rande der dunkelroten Pfütze . Das antikoagulierte Blut lief unhaltsam aus dem kleinen Loch auf dem Handrücken der alten Frau, der das Blutbad gleichgültig zu sein schien.

Das einzige, was ihr Sorgen zu bereiten schien, waren die vielen Gestalten, die plötzlich um sie standen und sie wieder auf die Beine zu bringen versuchten. Einer Kollegin gelang es, ihren kraftlosen Arm zu fassen und, während die anderen damit beschäftigt waren, ihre Füße wieder ordentlich in ihre Hauspantoffel zu stecken, damit sie nicht wieder stolperte, einen dicken Verband um das tropfende Loch zu wickeln und die Blutung zu stoppen.

Doch während drei Krankenschwestern auf die verdutzte Frau einredeten, die keinen Meter zu bewegen war, kam ein Schrei aus dem Nebenzimmer und ich stützte Frau H. alleine auf ihrem Weg ins Bad.

Die tiefe Platzwunde an der Stirn von Herrn M., der über seine Harnflasche gestolpert war, die der Nachtdienst nicht mehr ausgeleert hatte, war nicht mehr einfach mit einem Verband zu versorgen.

Den Gang zur Toilette schafften wir nicht mehr rechtzeitig und so blieb eine jüngere Kollegin bei Frau H. und setzte sie gleich in die Dusche. Die Raumpflegerin beseitigte stillschweigend den Harnsee unter Herrn M.´s Bett und der Arzt versicherte mir am Telefon, in ein paar Minuten vor Ort zu sein, während eine andere Kollegin bereits um Nahtmaterial, Desinfektionsmittel und sterile Tupfer lief. Ich freute mich in dieser grotesken Situation über die reibungslose Zusammenarbeit, die wir ohne viele Worte leisteten.

Dass zwei Patienten gleichzeitig läuteten, um ihre Schmerztabletten schon vor dem Frühstück zu bekommen, waren wir gewohnt. Das ging jeden Tag so. Wir dachten bereits daran, dass sie der Nachdienst an sie austeilen sollte und beschlossen, es ab nächsten Tag so zu machen.

Was allerdings zu einem weiteren Adrenalinschub führte, war der Anblick des leeren Bettes von Herrn D., den wir auch im Bad nicht finden konnten. Zum wiederholten Male hatte er die Station verlassen und sich verlaufen...

"Na Schwester, des is heid ned eier Tog", lachte Herr M., der uns nervös hin- und herlaufen sah.

Vielleicht schlug ja auch nur das Wetter um?

Egal, vor uns lagen auch nur mehr 11,5 Stunden Dienst...

© Isabella Maria Kern 13.02.2020