Osteotomie

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Osteotomie | story.one

Langsam komme ich zu mir. Ich versuche die Augen zu öffnen, aber sie sind so unglaublich schwer. Wo bin ich? Was ist geschehen? Ich zittere. Mir ist so kalt. So furchtbar kalt. Warum friere ich? Ich hab so einen Durst, so trockene Lippen, einen vertrockneten Mund. Ich beginne zu weinen, fühle mich so verlassen, so alleine, so fremd, so kalt. Endlich kommt die Erinnerung zurück.

"Und welche Seite wird operiert" fragten sie mich, kurz bevor ich wegtrat und ich hatte plötzlich riesige Angst, dass sie das falsche Bein verkürzen, das kürzere noch kürzer machen!!! Versuchte es ihnen noch zu deuten, zu erklären, doch ich war schon so neben mir, von diesen Wurschtigkeitstabletten, dass ich kaum ein Wort hervorbrachte; nackt lag ich da und sie machten mit einem Stift ein Kreuz auf die Seite. Hier bricht die Erinnerung dann langsam ab, es wird so hell, blendet, ich soll zählen, bei der dritten Zahl bin ich weg.

Schnell versuche ich herauszufinden, mich zu vergewissern, ob eh alles gut gegangen ist. Ich schaue an mir hinunter. Gott sein Dank! Die rechte Seite liegt verbunden da!

Eine Schwester kommt. Sie tröstet mich ein wenig. Ich bitte um Wasser, eine Decke. Doch ich darf noch nichts trinken, ich muss noch warten. Ich friere weiter.

Eine gefühlte Ewigkeit danach werde ich zurück aufs 6-Bett-Zimmer gebracht.

Ich stille endlich meinen Durst, trinke sehr viel. Nach einiger Zeit, merke ich, dass ich mal muss. Die Schwester bringt mir eine Schüssel. Doch egal, wie sehr ich mich plage, ich kann nicht. Nach ein paar Stunden noch immer nicht. Gut, dann halt einen Katheder.

Die Schmerzmittel lassen bald nach. Puh, das tut doch sehr weh. Mir geht es nicht gut, ich fühle mich erschlagen, dennoch will die Schwester, dass ich am nächsten Tag aufstehe. "Du musst aufstehen, das ist ganz wichtig." - Gut, wir probieren es. Aua!!! Sie und ein Pfleger helfen mir. Ich bleibe irgendwo mit einem der vielen Kabel hängen. Es wird ganz warm um meine Füße... Oje, der Katheder. Es ist mir so peinlich. Ich stehe in meinem eigenen Lulu und kann nichts machen. Hilflos wie ein Baby stehe ich da, die beiden hantieren um mich herum. Ich ekele mich vor mir selber.

Ich muss mit Krücken gehen, das Bein noch nicht belasten. Die Physiotherapeutin zeigt mir, wie das funktioniert. Ich plage mich, ein paar Schritte schaffe ich! Ich freue mich! Dann eine klitzekleine falsche Bewegung, die rechte Krücke rutscht weg, ich stürze. Ich schreie vor Schmerzen! Die Physiotherapeutin und ein Pfleger helfen mir ins Bett. Sofort werde ich zum Röntgen in die Ambulanz chauffiert. Ich habe furchtbare Schmerzen, hoffentlich ist nichts passiert! Unter größter Angst und mit Tränen in den Augen bete ich, hoffe ich. Wir warten auf das Ergebnis, bevor ich zurück aufs Zimmer gebracht werde.

Es war mein Lieblingspfleger, er hat mich total einfühlsam und lieb getröstet, mich beruhigt! Und das Wichtigste: Beim Sturz ist nichts passiert!

Was für eine Erleichterung!!!

Das ist er also, der Beginn meines neuen Lebens.

© Isi Dora 17.02.2020