Barfuss im Iran

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Barfuss im Iran | story.one

...wie es im Leben eben manchmal zu erstaunlichen Situationen kommt, wurde ich eines Tages, während einer Reise durch den Iran von einem Teppichhändler am Bazar in Tabriz (Täbris) angesprochen und gefragt, ob ich nicht zu einem Festival in den Bergen mitfahren wolle. Mit einer gewissen Skepsis, welche man als allein reisende 19-Jährige durchaus haben sollte, nahm ich die Einladung abenteuerlustig an.

Bereits am darauffolgenden Tag um 6Uhr in der Früh war Abfahrt in einem Kleinbus mit rund einem Dutzend Iranerinnen und Iranern. Es stellte sich heraus, dass es eine Klasse von TouristenführerInnen in Ausbildung war, worauf ich von unzähligen Iran-Funfacts überhäuft wurde. Das Event, zu welchem wir fuhren war ein Nomaden-Festival, bei welchem unterschiedliche Stämme in prächtigen Kleidern auf ihren Pferden Kunstritte und Wettkämpfe veranstalteten. Das Ganze würde etwa drei Stunden dauern und fand in den Bergen nahe der Grenze zum Aserbeidschan statt.

Alleine die Fahrt dorthin war ein Erlebnis sondergleichen! Es wurde gesungen und getrommelt, im Bus getanzt und geklatscht, Geschichten erzählt und gemeinsam im Park gefrühstückt mit selbst gemachtem Halva, Naan und frisch gepflückten Datteln.

Nach dem Festival parkierten wir auf einer Almwiese und begannen zu grillen. Meine erste Reaktion, als kärntnerisches Landei war es meine Schuhe auszuziehen. Ich liebe das Gefühl barfuss zu sein. Das Gefühl, wenn sich Blumen zwischen den Zehen verfangen, kleine Steinchen leicht in die Ballen stechen und Grashalme die Fusssohle kitzeln. Die Reaktion der Anderen war sehr amüsant. Sie fragten ganz besorgt, ob alles in Ordnung sei, da sie sich beim besten Willen nicht vorstellen konnten, warum man grundlos seine Schuhe ausziehen würde. Ich teilte ihnen meinen Grund mit und stiess auf viele fragende Gesichter, damit wurde dann auch wieder das Thema gewechselt.

Um die Geschichte besser zu verstehen, muss ich eine zweite Eigenheit von mir verraten. Abgesehen vom barfuss Spazierengehen, ist es für mich der Inbegriff von Freiheit und Lebensfreude, wenn ich auf einem Berg oder Hügel stehe und singe. Also musste ich die Chance ergreifen und diesem bereits so perfekten Tag noch die absolute Krönung geben. Ich habe mich kurz entschuldigt, um ein wenig spazieren zu gehen und bin dabei auf den nächsten kleinen Gipfel geklettert. Der Ausblick war gigantisch, der Wind wehte mir lauwarm ins Gesicht und mit einem tiefen Atemzug begann ich zu singen. Es war schlichtweg unvergesslich einzigartig.

Um die Anderen nicht zu sorgen, machte ich mich auf den Weg zurück und traf zuerst unseren Fahrer, welcher mit einem breiten Grinsen auf seine nackten Füsse im Gras zeigte. Nicht nur er zog seine Schuhe aus, vor mir sassen begeistert knapp ein Dutzend Iranerinnen und Iraner barfuss im Gras und genossen das Gefühl von Blumen zwischen deren Zehen, dem leichten Stechen von Steinchen in deren Ballen und Grashalmen, welche deren Fusssohlen kitzelten.

© isi