Copacabana Fußball Blues

Der Fußball rollt gemächlich über den Strand auf mich zu. Ich will mein Talent beweisen, indem ich den Ball zu seinem Besitzer zurück kicke. Im hohen Bogen landet er im Wasser.

"Du bist kein Brasilianer", lacht mich eine Argentinierin an.

Überall um uns herum belagern die Argentinos die Copa Cabana, betrinken sich, lachen, tanzen, spielen sich Bälle zu und tragen dazu bei, das Fußballfieber in Rio zu verbereiten. Bereits 3 Wochen sind wir unterwegs, doch der Höhepunkt steht noch bevor: Am Abend winkt das Finale der Weltmeisterschaft. Deutschland gegen Argentinien, ein historisches Ereignis, dass wir auf dem Strand der Copacabana miterleben wollen.

Pünktlich zum Anpfiff stehen wir zwischen Hunderttausenden von Fans und bejubeln die Leinwand. Anfangs bewegen wir uns unter den Argentiniern, die deutlich in der Überzahl sind. Ihre Balladen, gänzlich dem heiligen Sport gewidmet, reißen uns mit. Sie handeln von einem legendärem Spiel, das sie niemals vergessen werden. Als sie Brasilien nach Hause schickten. Von ihren Legenden Maradona und Cani. Und von Messi, der ihnen den Pokal bringen wird.

Ich werde von hinten angetippt und eine Horde von Favelakids, maximal zehn Jahre alt, schaut mich dunkel an. Ihre Anführerin deutet mit einem kurzen Handzeichen Platz zu machen und die Menge teilt sich wie das rote Meer. Im Gänsemarsch ziehen sie an uns vorbei.

Später stehen wir bei den brasilianischen Fans, deren Gesänge kurze Anekdoten sind, aber durch ihren rhythmischen Klang bestechen. "1000 Tore schafft nur Pele! Maradona ist ein Kokser", tönt es im Chor.

Wir singen mit und saugen die heitere, ausgelassene Stimmung mit jedem Atemzug auf. Bis Deutschland kurz vor Ende das entscheidende Tor schießt. Ein lautes Raunen lässt die Stimmung kippen. Das Herumreichen von Spirituosen in abgeschnittenen Plastikflaschen, das öffentliche Urinieren, oder spätestens die Panzerwagen und Soldaten, hätten uns klar machen müssen, dass wir uns nicht unter die Elite gemischt haben.

Die Argentinier schreien fanatisch auf. Zuerst schmeißen sie Plastikbecher, dann Bierdosen. Auf einmal hagelt es ganze Glasflaschen, gefolgt von Liegestühlen. Ein breitschultriger Kerl mit hochrotem Gesicht, brüllt wild um sich, während er zwei Flaschen als Waffen in der Hand hält.

Die Emotionen kochen über, versetzen die Menge in Panik und alle eilen weg vom Strand. Über uns ein Helikopter, der sein Scheinwerferlicht auf das Chaos wirft. Beim zurücktreten, falle ich rücklings über einen Liegestuhl. Am Boden flackern mir Horrorbilder von Massenpaniken durch den Kopf. Doch da! Eine wildfremde Hand streckt sich mir entgegen und hilft mir auf. Noch nie war ich so dankbar.

Als wir vom Strand flüchten, brüllt uns ein Prolet entgegen: "Nicht weglaufen, es sind nur Deutsche! Frauen und Kinder ok, aber wir müssen kämpfen!"

Heute im schönen Wien, lese ich von Protesten in Hong Kong, Chile, Frankreich, Irak...dort kämpft man wenigstens für etwas sinnvolles.

© Jack_Lemon