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Coronistische Erkenntnisse

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Coronistische Erkenntnisse | story.one

Ein Sprichwort sagt: "Kleine Kinder, kleine Sorgen. Große Kinder, große Sorgen." Doch werden zu Coronazeiten auch die kleinen Sorgen, schnell sehr groß. Unser ursprünglicher Plan war striktes Corcooning. Denn wir sind im Vorteil, zu den Glücklichen zu gehören, die von Zuhause arbeiten können. Mit genügend Strom, fließendem Trinkwasser, stabilem Internet und vollem Vorratsschrank sind wir gewappnet, die Krise zu überdauern. Doch wer kann zurzeit schon sagen, ob seine Pläne aufgehen?

Es ist ein anderer Virus, der unseren acht Monate alten Sohn heimsucht und unsere Opfergabe des "auf der Couch sitzen bleiben" unterbricht. Trotz der Entwarnung des Arztes und verfügbarer Medikamente gegen das sogenannte Dreitagesfieber, gibt es nichts was einen mehr beklemmt, als wenn das eigene Kind krank ist. Ohne jegliche Bewegung hängt der Kleine schlaff in meinen Armen, und mich durchströmt die Angst, dass er bei über 40 Grad Fieber verglüht. Sein leises Wimmern wird nur durch ein gelegentliches Aufschreien unterbrochen, während ich verzweifelt auf das Einsetzen der fiebersenkenden Medikamente warte. Jede Minute zieht sich ins Unendliche.

Eine Ewigkeit die den Kopf mit Gedanken flutet und mein Herz weiter verkrampfen lassen. Wie ergeht es jenem Flüchtlingsvater auf Lesbos, der in diesem Moment sein Kind, so wie ich, in den Armen hält und keine Medikamente zur Verfügung hat? Wo versteckt sich die Mutter, im zerbombten Idlib, um ihre Kinder vor dem Virus zu schützen? Wird sie Strom, Wasser und Vorräte haben? Was machen die Familien in Ländern, in denen die Pandemie ohne funktionales Gesundheitssystem, wie eine Bombe einschlagen wird?

Fast schon kafkaesk wirkt es, dass ausgerechnet mikroskopischen Strukturen, die nicht einmal genug Stoffwechsel besitzen um als Lebewesen zu gelten, unseren Lebensstil zum Wanken bringen. Uns die Augen öffnen. Doch sind sie nicht Ursache, sondern Botschafter eines dysfunktionalen Systems der Verteilungsungerechtigkeit. Sie offenbaren den Weg, den die Menschheit gegangen ist und bei dem man sich nun fragt, ob wir irgendwann einmal vielleicht falsch abgebogen sind. Einen Weg, der anstatt zu einem humanistischen Mekka, zu jenem Götzenbild geführt hat, das die Gier des Menschen nach Geld und Reichtum verkörpert.

Nach drei Tagen ist das Fieber wie weggeblasen und mein Kleiner tollt wieder herum, als wäre nie etwas gewesen. Und ja, auch wir werden die Krise überstehen. Und ja, Corona schweißt die Menschen zusammen. Aber es wird auch an uns liegen, den Karren wieder auf Schiene zu bekommen und für eine bessere Welt zu kämpfen. Auch nach Corona.

Für eine gerechtere Wohlstandsverteilung und gegen Profitgier.

Für ein nachhaltigere Dasein und gegen ein Leben über unseren Verhältnissen.

Für ein humanistisches Weltbild und weg von Sonderinteressen der Wirtschafts- und Finanzwelt.

Ansonsten wird das Coronavirus zu einem Dreitagesfieber, dass schnell wieder in Vergessenheit gerät.

© Jack_Lemon 2020-03-25

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