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Die Verschwundenen - "Donde Esta?"

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Die Verschwundenen - "Donde Esta?" | story.one

Ungeduldig dränge ich uns auf den Platz der Casa Rosada. Fotografiere den schrullig wirkenden rosa Palast im Herzen von Buenos Aires, den Sitz des argentinischen Präsidenten. Ich darf die Bewegung auf keinen Fall verpassen. Doch der Platz ist noch leer, von Demonstranten keine Spur. Wie konnte ich nur glauben, dass es für so ein wichtiges Anliegen eine passende Uhrzeit geben kann?

Wir stehen vor der kleinen unscheinbaren Statue, die ein weißes Kopftuch abbildet. Das Mahnmal einer jahrzehntelangen Ungerechtigkeit. Im Vorfeld habe ich schon über die Gräueltaten der Militärdiktatur der 70er und 80er Jahre gelesen. Über den berüchtigten Ford Falcon ohne Kennzeichen, dessen Erscheinen ein sicherer Vorbote des Todes war. Über die gefürchtete Mechanikerschule der Marine (ESMA), aus der es, einmal Betreten, keinen Rückweg gab. Über Babys, die bei ihrer Geburt von ihren Müttern getrennt wurden, um sie Angehörigen des Regimes zu übergeben. Heute so alt wie ich, des Wissens ihrer wahren Herkunft beraubt. Parallelen zur Diktatur meiner alten Heimat, dem Irak, tun sich auf. Über meinen Cousin Mahdi, den ich nie kennengelernt habe und nur die Geschichte über dessen Abführung kenne. Über Massen verschwundener Menschen, deren Schicksal nie aufgeklärt wurde. Grausame Schandtaten, die erst nach dem Fall des Regimes in 2003 ans Licht kamen. Manchmal ist der Mensch dem Tier nicht sehr fern…

Da tauchen sie auf, die verzweifelten Mütter, mit ihren bezeichnenden weißen Kopftüchern. Zurückgeblieben, ohne jegliche Antwort auf die Frage, wo ihre geliebten Söhne verloren gegangen sind. Die Menge setzt sich in Bewegung, aus ihr ragen Plakate mit Bildern von Vermissten. Der erste Name eines "Desaparecidos", eines Verschwundenen, wird verkündet.

"Donde esta!" - "Wo ist er?", schreit die Menge als Antwort.

Es folgt der nächste Name. Wieder donnert es: "Donde esta?"

Eine Liste mit Zehntausend Namen.

Jeder ihrer Rufe gleicht einer mit Emotionen geladenen Druckwelle, die mich von den Füssen zu reißen droht. Der flehende Hall der Trauer bahnt sich seinen Weg bis in die letzten Fasern meiner Seele, während die eiskalte Hand der Ungerechtigkeit mein Herz umfasst um es unerbittlich zuzudrücken.

Ich atme tief durch um zu verhindern, dass sich meine Augen mit Tränen füllen. 'Lass uns gehen, will ich sagen', aber ein Frosch im Hals verhindert jeglichen Kommentar.

"Gemma", presse ich nur hervor.

"Jetzt schon?"

Stumm nicke ich und wende mich ab. Ich kam als Voyeur und gehe mit einem Bild im Kopf, dass sich wie ein Schandmal eingebrannt hat.

Zurück im schönen Wien, besuchen wir ein Theaterstück. Das Thema der NS Zeit reißt uns in den Abwärtssog der damaligen Zeit. Beim Verlassen, begegnen wir im Foyer einer alten Frau, die bitterlich weint. Egal ob Europa, Mittlerer Osten oder Südamerika, die Verbrechen der Täter verwischen die Grenze zwischen Mensch und Tier auf eine andere Weise, während die Trauer der Mütter überall dieselbe ist.

© Jack_Lemon 11.12.2019

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