Vom Frei sein und vom Pleite sein

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Vom Frei sein und vom Pleite sein | story.one

In meinem kurzen Leben, bin ich wirklich schon vielen verschiedenen Tätigkeiten nachgegangen. Habe als Schichtarbeiter stundenlang Paletten gestapelt, manchmal auch in der mühsamen Nachtschicht. Habe Tennisschläger poliert und abgewogen. Habe mich als Eisverkäufer bewährt und über die Küche, bis an die Kassa, hinauf zum Campingplatzmanager hochgearbeitet. Habe in Caterings, Bankern Essen serviert, aber auch in einer Bank Finanzrisiken bewertet. Habe Laptops in Geschäften promotet, und selber in einem Telekomunternehmen Zahlenkonvulate geschupft. Habe beim Donauinselfest Becher gegen Pfand getauscht, dann internationale Projektteams geleitet. Habe in Fußballstadien Bier ausgeschenkt, aber auch in Skandinavien Industriekunden betreut. Habe bei Veranstaltungen Mobiliar aufgebaut und ja, sogar als Goldschmied habe ich mich versucht. Und einmal, da mussten wir ein ganzes Filmschloss in LKWs verstauen. All das hat mir den schnöden Mammon beschert, doch am befreiensten war es, als ich pleite war.

Im Sommer nach meinem Studium, hat mich das Fehlen einer Einkommensquelle zu Höchstleistungen angespornt. Mit viel kulinarischer Kreativität, konnte ich mein wöchentliches Lebensmittelbudget auf 20 EUR runterschrauben. Mein einziges Verkehrsmittel, das Fahrrad, war gleichzeitig mein Fitnessprogram. Ein kleines WG Zimmer reichte zum Wohnen, neue Kleidung war tabu, und meine einzige Freizeitbeschäftigung war das öffentliche Flanieren im Augarten.

Es war eine göttliche Zeit. Eine Zeit der Freiheit. Ich brauchte nichts außer dem saftigen grünen Gras, in dem ich mich am liebsten gewälzt hätte. Den blauen Himmel, der mir die Unendlichkeit des Daseins bewies. Nur durchbrochen von den akribisch geschnittenen Baumkronen, deren Schatten mir den notwendigen Schutz gegen die pralle Sonne spendeten. Den Flakturm, der als Mahnmal, Zeichen meiner Freiheit und des Friedens war, den sich der alte Kontinent über Jahrhunderte erkämpft hatte. Lektüren, die mir die Leichtigkeit des Seins beibrachten oder mir eine schöne, neue Welt vorgaukelten.

Jahrelang erzählte ich von dieser Zeit, als meine glücklichste. Doch muss ich das heute revidieren. Denn Glück bedeutet heute für mich in die Obhut meiner Familie zurückzukehren. Meine Frau und meinen kleinen Jungen in den Arm zu nehmen, um die ich mich mein restliches Leben sorgen werde. In mein Zuhause, mein Refugium einzutreten, für das ich noch Jahrzente lang blechen werde. Das Dasein in einer Welt zu genießen, für deren Frieden es sich zu kämpfen lohnt. Die Zeit zu finden, den Alltag zu entschleunigen, die Füße hochzulegen und die Einfachheit eines ruhigen Moments zu genießen.

Doch will ich niemanden blenden, Geld macht vieles leichter. Es kann ein würdevolles Leben ermöglichen. Aber das Glück...nun das kann man sich damit nun mal nicht kaufen. Und die Freiheit? Die ist sowieso ein Geschenk, das sich nicht jeder gerne machen lässt.

© Jack_Lemon 27.11.2019