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Good morning Irak!!!!

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Good morning Irak!!!! | story.one

Meine Jugend habe ich im Irak verbracht. In Najaf "Al-Ashraf", wie die Ibn Ulaya, die "Söhne der Stadt" sagen. Es ist einer jener Frühlingstage, an dem der kühle Wind die Härchen am Arm aufstellt, während die ersten Sonnenstrahlen einem die Wärme auf das Gesicht zaubern. Der blaue Himmel verrät, dass es heiß wird. So ist es eben in einer Wüstenstadt. Kühle Nächte, heiße Tage.

Zwei Freunde und ich entschließen uns für eine kleine Spritztour ins Zentrum. Autofahren darf man erst mit achtzehn im Irak, aber das Gesetz ist im diktaturgeplagten Land eher eine Richtlinie. Mit vierzehn hatte ich bereits gelernt einen Wagen zu lenken, mit fünfzehn schickte man mich auf Botengänge und mit sechzehn fuhr ich zum Spaß.

Der Einfall ist so spontan, dass wir uns in Jogginganzügen und Hausschuhen quietschfidel ins Auto setzen. Trotz der herrschenden Gesetzlosigkeit, fahren wir nicht die Hauptstraße entlang, weil sich bei der großen Kreuzung eine Ampel und ein Polizist befinden. Nicht, dass die Ampel eine besondere Gefahr darstellt. Bei Rot wird brav weitergefahren, aber der unterbezahlte Polizist könnte auf die Idee kommen, uns nach einem Ausweis zu fragen, im Versuch sein Gehalt aufzubessern.

Wir kennen die Stadt wie unsere Westentasche und bevorzugen die Fahrt durch den größten Friedhof der Welt. Der "Wadi as-salam", der Millionen von Gräbern beherbergt, die sich über tausend Hektar erstrecken, bietet kleine staubige Nebenstraßen an, die ins Zentrum führen.

Anfangs wundern wir uns über den stockenden Verkehr, doch als wir bemerken, dass wir uns auf eine Straßensperre hinbewegen, steigt unser Stresslevel rapide an. Erst die bewaffneten Männer in Khaki und den roten Armschlaufen, lassen das Blut endgültig aus unseren Gesichtern laufen. Keine Einheit im Irak ist verrufener als die Militärpolizei. Ohne Ausweise droht uns die sichere Verhaftung.

Unaufhaltsam rollen wir auf unser Ende zu, bis wir vor dem sonnengegerbten Soldaten mit dickem schwarzen Schnurrbart halten.

"Von wo seid ihr?"

"Aus der Gegend."

"Was soll das heißen? Aus welcher Stadt?"

"Von hier. Von Najaf."

"Ausweise."

"Haben wir nicht dabei."

Dunkle Augen starren uns an. "Fahr das Auto rechts ran."

Mein Herz rutscht in die Hose. Vorsichtig rolle ich das Auto an den Straßenrand. Doch mein Freund Abather flüstert ohne Pause: "Halt nicht an. Halt nicht an."

Also trete ich auf das Gaspedal, schalte wie ein Rally-fahrer die Gänge hinauf. Mit einer staubigen Wolke rasen wir davon. Wie ein gehetztes Tier schaue ich immer wieder in den Rückspiegel. Vergewissere mich, dass wir nicht verfolgt werden. Erst später werde ich erfahren, dass wir Glück hatten, dass man nicht auf uns geschossen hat. Gestresst, besorgt und voller Angst schleichen wir über Umwege zurück, wo wir das Auto sofort in der Garage verstauen und sich alle in ihre Häuser verdrücken.

Heute sitze ich im schönen Wien, und beobachte wie dort Demokratie versucht wird, während hier die Demokratie anfängt zu bröckeln.

© Jack_Lemon 23.09.2019

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