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Life without Strom

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Life without Strom | story.one

Der nächtliche Wüstenwind streift meine Wange und setzt jene Melancholie frei, die bezeichnend ist für das gewaltgeplagte irakische Volk. Sie ist wie das liebevolle Streicheln einer Geliebten, das für den Hauch eines Moments alle Probleme verblassen lässt.

Ich nehme einen Zug von meiner Royal Zigarette. Der wohltuenden Rauch gleitet langsam meine Lungen hinab. Der Strom ist wieder mal ausgefallen und mein Blick schweift über die in Dunkelheit getauchten Dächer unseres Viertels. In der Ferne höre ich das Bellen der tollenden Wildhunde, die in Rudeln durch die verlassenen Strassen ziehen. Hier und da ertönt das Rauschen eines Autos von der "Schara'a Kerbala", der Hauptstrasse, die nördlich aus der Stadt führt.

Hier gibt es kein geregeltes Leben, keine Kontinuität und auch keine verlässliche Strukturen. Es ist unbekannt wann der "Watani", der reguläre Strom, ausfällt, geschweige denn wieder eingeschalten wird. Täglich quittieren meine hoffnungslos religiösen Verwandten sein Eintreffen mit einem Dankeschön an den Herrn.

Und so sind die Bewohner der Wüstenstadt Najaf gezwungen, unter dem, von Sternen erleuchteten, Himmelszelt einzuschlafen. Im heissen Sommer ziehen abends alle Familien auf die Dächer ihrer Häuser, um den schweisstreibenden Nächten in den aufgeheizten Räumen zu entkommen.

Es ist per se faszinierend wieviele Sterne auf uns herableuchten. Doch habe ich seit jenen Nächten, nie wieder einen so unangetasteten Nachthimmel erlebt. Sicher, die Sterne sind immer da, aber für mich entfalten sie erst in der Wüste ihre wahre Vielfalt.

Wie sehr vermisse ich die Dunkelheit und die Ruhe, die einen umgeben, sobald jegliches Kunstlicht erlischt und das ständige Surren von Elektrik zum Stillstand kommt. So sehr es auch eine Plage war, beim Computerspielen alle 2 Minuten aus Paranoia auf "Save" zu drücken, aus Angst der Spielfortschritt geht verloren. Oder die Panik schnell den Kühlschrank abstecken zu müssen, falls der Strom mit einer zu hohen Voltage zurückkommt und die sensible Elektrik zerstört. Trotz all den heissen Sommertagen, an jenen man schwitzend bei über 40 Grad zuhause sitzt und betet das der "Watani" bald kommt, damit man die Klimaanlage wieder andrehen kann.

Ja, trotz all der Schikanen sehne ich mich manchmal zurück an die Nächte, als wir auf dem Dach schliefen und im letzten Moment, bevor die Augen zufallen, einem die strahlenden Sterne den Weg ins Traumland leuchten.

Ich dämpfe meine Zigarette aus und mache mich wieder auf den Weg nach unten. Die Zentralmatura steht bevor und die ist bei Gott kein Zuckerschlecken. Ich nehme die Glasbdeckung ab und zünde die nach Parafin stinkende Öllampe an. Drehe den Regler hoch, bis die Flammen genug Licht zum Lesen spenden. Sie wird mir helfen, mich durch die letzten Zeilen meines Biologiebuches zu wälzen.

Heute, 18 Jahre später, wird dort protestiert. Das Volk tobt, denn es gib immer noch keine dauerhafte Energieversorgung.

© Jack_Lemon 2019-12-28

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